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Thema: Peel, John (Penis-Piercing)

  1. #13
    Avatar von ingwer
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    bartholmy, ich kenn mich da zwar nicht ganz aus, denn dafür bin ich dann doch noch entschieden zu jung, aber von älteren geschwistern und freunden wurde mir glaubhaft versichert, dass berlin früher eben nicht nur mitte oder kreuzberg war, dass es auch in charlottenburg und steglitz gut besuchte veranstaltungsorte für den gepflegten punk gab. so wurde mir mit emphase von einem aus den fugen geratenen exploited-konzert im concurs/music-hall erzählt, das mit einer massenschlägerei am walter-schreiber-platz endete. kaum zu glauben. aber sympathisch.

  2. #14
    Moderator Avatar von Ruebenkraut
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    Szene in Wedding - ja die gab es. Als ich kam, gab es gerade den Volkszählungsboykott, bei den Weddinger Anlaufstellen der Boykottbewegung machte ich erste Bekanntschaft mit, im Vergleich zu Kreuzberg, doch recht zugänglichen Leuten.
    Wedding war Anfang der 80er der Bezirk mit den zweitmeisten Hausbesetzungen, eigenes Weddinger Besetzerplenum, jede Menge Besetzerkneipen, im Sommer Hinterhoffeste mit OpenAir Bühnen. Eine Zentrale der Szene war der Laden in der Buttmannstraße, dort wurde u.a. das alternative Presseorgan "Weddinger Neue Zeitung" erstellt, ein Blatt, das im Zuge der Bürgerinitiativbewegung Mitte der 70er entstanden war, inzwischen von eher Linksgrünen erstellt wurde, und später von Autonomen "übernommen" wurde. Wichtig war das riesige besetzte Fabrikobjekt in der Prinzenallee, später legalisert und wohl längere Zeit noch recht erfolgreich (was jetzt damit ist, weiß ich nicht). Es gab auch einige Szenekneipen, etwa in der Nähe der TFH im Viertel mit den belgischen Straßen, oder um den Leo.

    Nach eineinhalb Jahren hat es mich dann aber doch nach Kreuzberg gezogen, wo ich die nächsten 16 Jahre blieb. Im Wedding war ich später kaum noch.

  3. #15
    Seniorita Avatar von elinor
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    The nights John P. saved my life

    Mein Freund Frank, den ich höchstens einmal im Jahr zu besuchen pflegte, war wirklich cool. Er lebte nur nachts und schuf in seiner dreieckigen Kammer kleine geniale Kunstwerke aus aufgeklebten Papierschnipseln, so groß wie Cassettencover (deshalb hießen sie auch casscovs).
    Weil er kein Geld hatte, rauchte er seinen Shit auf besonders effiziente Weise: Mit einer Rasierklinge wurde ein winziger hit vom jeweiligen Dope - immer 1a Qualität! - hauchdünn abgeschnitten und aus seiner aus Staniol selbstgefertigten Purpfeife tiiief inhaliert. Ja, das waren Nächte!
    Wenn ich ihn besuchte, saß ich auf einem kleinen Hocker und er stand. Mehr Platz war nicht. In der Ecke auf dem Fensterbrett befand sich ein kleiner Recorder. Mit dem nahm er John Peel auf. Peels Sendungen kamen nur Samstagnacht bzw. schon fast am Sonntagmorgen. Mittwochs gab es die Wiederholung.
    Ich hatte den Namen zwar schon mal irgendwann mitbekommen, aber keine Ahnung, wer das nun genau sein sollte. Frank erklärte mir in einer von diesen Besuchsnächten, dass John-Peel-Hören die einzige Möglichkeit wäre, depressionsfreie Stunden zu erleben. Das vernahm ich gern, fand ich doch auch das Leben, wie ich es so vor mich hinlebte, äußerst deprimierend.
    Frank schenkte mir am Morgen zwei Cassetten - Lee Perry und eine John Peel Show.

    Es begann eine großartige Zeit. Ich nahm jede Sendung auf. Natürlich nie die Wiederholung! In kleine Notizbücher kritzelte ich nach Gehör die Namen und Titel. Manchmal kreierte ich die abenteuerlichsten Neuschöpfungen. Ich hatte ja nie Englisch gelernt, schließlich war ich in der Zone zur Schule gegangen, da gab's nur ein Jahr lang fakultativ Englisch - morgens v o r dem Unterricht ... So habe ich natürlich nicht viel gelernt, weil ich meistens zu spät kam oder gar nicht. Ich habe es mir dann selbst beigebracht und den Rest bei den Stones, Dylan und wie sie alle hießen gelernt.
    Nina hörte auch gern John Peel. Also kam mir die Idee, ich könnte ihr eine Cassette nach Amerika schicken. Und noch besser wäre es, ihr dafür bei John Peel ein Liedchen zu bestellen. So schrieb ich im bösen kalten November '81 an John Peel und wünschte mir in meinem exotischen Englisch 'A Tropical Heatwave' von James White ( aka Black) and The Contortions. 'For Frank and Nina', und damit es nicht zu langweilig wäre, legte ich ihm noch ein kleines Foto dazu. Man sah mich darauf von hinten, die Straße entlangstöckelnd. Mit einer Lederjacke bekleidet, auf der in Nieten das Wort 'Harley' stand (war nicht meine eigene). ‚On the way to the Zensor'.
    Ich nannte mich 'Alice' , weil mein richtiger Vorname für ihn bestimmt zu schwierig auszusprechen war.
    Und John Peel spielte das Stück. Es war großartig, sowohl der Titel als auch dass er brav die Grüße bestellte. Er beschwerte sich jedoch, dass ihm Alice ein incomplete photograph geschickt hätte. No problem - also bekam er ein completes, ich nur mit einem grün-weiß-gestreiften Kniestrumpf bekleidet. Tja, das gefiel dem alten Schlawiner!
    Noch vor den Zeiten der Internetliebschaften begannen wir einen lieben kleinen virtuellen Flirt. Von beiden Seiten natürlich begleitet von dezentem Augengezwinker (wenn mir dieses Wort gestattet sei), wusste ich doch, dass er mit Sheila, the Pig, deren all time favourite 'teenage kicks' ist, verheiratet war (und noch ist).
    Der Witz war, ich konnte mir künftig noch so viel wünschen - er spielte es nie. Und wenn ich überhaupt mit nichts rechnete, murmelte er - und hatte dabei manchmal etwas rührend jungenhaft Aufgeregtes in der Stimme - 'this next song is for Alice' und es kam ein von ihm für mich ausgewählter track - die Paragons, Soul, John Cooper Clark. Einmal sogar 'da da da' von Trio. Ich lieb dich nicht du liebst mich nicht.
    Ich beschäftigte mich natürlich viel mit John Peel. Ich bastelte ihm kleine Büchlein aus Polaroidfotos und schrieb ihm irrwitzige Briefe unter Zuhilfenahme des Wörterbuches. An eine meiner Formulierungen erinnere ich mich noch:
    'I'm a hotchpotch of cheeky-shy.'
    Einmal kam ich abends spät nach Hause. Als ich das Licht anknipste, knallten mit einem gewaltigen Geknaster alle Sicherungen durch, ich stand im Dunkeln, und im gleichen Moment klingelte das Telefon. John Peel war dran. Keine Ahnung mehr, woher er die Nummer hatte. Ich glaube, er wollte sie mal haben. Stimmt, ich bekam ja sogar ein paar Briefe von ihm. Die Tinte ist inzwischen tatsächlich verblasst. Seine Handschrift ist einmalig, eine ähnliche ist mir nie begegnet - die Buchstaben gerade, steil und eng beieinander.
    Na, das war vielleicht ein aufgeregtes Gestammel da am Telefon. Beiderseits. Er war so schüchtern. Und ich sowieso.
    Wir stotterten uns also einen ab. Ich glaube, er teilte mir mit, dass er demnächst nach Berlin käme, zum Atonal Festival, Aber das Datum verstrich. In aufgeräumter Wohnung saß ich bebend neben dem Telefon und erfuhr später, nach vergeblichem Warten, dass er da war. Er hatte sich nicht getraut. Ich fuhr nach London - und dort hab ich mich nicht getraut. Es war das reinste Teenagerdrama.
    Inzwischen hatte ich mich verliebt, und John P. kommentierte das mit einem Song, der Two Timer hieß, "you leave me for my best friend", wo er doch geglaubt hatte, ich bewahrte mich für ihn auf, scherzte er. Er kommentierte meine Alltagsmissgeschicke - mir war die Kamera ins Mittelmeergefallen - und spendete Trost, wenn ich krank war oder Liebeskummer hatte. ("The next one is for Alice. 'No ones little girl')
    Mein Geliebter entpuppte sich als autistischer Säufer. Heiligabend lag er besoffen neben mir im Bett. Er hatte mir einen Ochsen aus Terracotta geschenkt, auf dessen Rücken man Kresse anpflanzen sollte. Ich konnte wegen seines Schnarchens nicht schlafen, setzte mir die Kopfhörer auf und hörte Peels Weihnachts - Show (das hätte ich sowieso getan). Er erklärte seinen Hörern, dass er und sein Produzent schon seit einiger Zeit überlegten, einen Werbetrailer für die Show zu kreieren. Nun wäre ihnen so viel eingefallen, dass sie einfach alle Trailer in einer Show unterbringen würden. Musik. Der erste Trailer : " Alice went down the street ..." oder so ähnlich. Ich wäre fast an die Decke gezischt. Aber nicht genug, es kamen fünf Trailer oder mehr, einer reizender als der andere. Wie kleine Hörspiele - Alice kommt nach Hause und hört schon auf der Treppe ihre Katzen ("meouw, meouw!") und von fern den 'Sound of John Peels Music'. Böse Männer dringen in ihre Wohnung ein - und in der Ferne hört man den 'Sound of John Peels Music' . Und so weiter.
    Ich flennte vor mich hin, es war einfach zu unglaublich. Ich stellte mir vor, wie er mit Aggie, oder wie der hieß, seinem Produzenten, der dann bald in Rente ging, rumbosselte und Alices Kätzchen miauen ließ ...
    Tja, für den guten alten John floss so manche Träne die Wangen hinunter.
    Und eines Nachts rief er wieder an. Meine hüftlangen Haare (so lief ich zu Punkzeiten herum) waren inzwischen abgeschnitten. So lernte er mich, wie er später sagte, als 'Skinhead Alice' kennen. Ich war erkältet, doch ich erhob mich wie Phönix aus der Asche von meinem Krankenlager, und wir trafen uns im ‚Risiko’. Keine Ahnung, worüber wir sprachen, es war Gottseidank laut dort. Ich konnte doch nicht so gut Englisch, wie ich bereits erwähnte.
    Der Abend endete damit, dass er mich fragte, ob wir unsere Schals tauschen könnten. Er legte sich mit einer sehr innigen Geste meinen schwarzen Angoraschal um den Hals, und ich bekam seinen Schal.
    Zu Hause hat er mich auch einmal besucht. Ich sehe ihn in meiner Küche sitzen, neben sich auf dem Fensterbrett meinen schwarzen Kater.

    Das letzte Mal haben wir uns 1994 gesehen, in der Nacht bevor ich nach New York flog, um in einer Woche fünf Konzerte von Grateful Dead zu besuchen. Ich weiß ja nicht, wie vertraut euch John Peels Geschmack ist, aber die Dead gehören nun ganz entschieden nicht zu seinen Favoriten.
    Er hört lieber italienische Opernarien.

  4. #16
    Avatar von Werrnerr
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    Schöne Geschichte! Sehr schöne Geschichte! Und ich glaube, dass ich die Sendung mit "A tropical Heatwave" aufgenommen habe. Ich glaube, ich muss noch mal zu meiner Mutter fahren (dabei war ich heute da), in deren Schubladen noch so manche Kassetten ruhen, die ich mir noch mal anhören sollte.
    Danke für die Erinnerung.

  5. #17
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    Elinor-Alice, das ist ja alles ganz bezaubernd!
    we are in the army now.The Army of Sankt Immen.

  6. #18
    Avatar von Aporie
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    Diese herrliche Geschichte von elinor hätte einen eigenen Strang verdient

  7. #19
    Moderator Avatar von DonDahlmann
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    Das ist eine unglaublich schöne Geschichte. Danke.

  8. #20
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    Ich möchte sogar behaupten, das ist die zarteste und romantischste, ähm, Liebesgeschichte kann man glaub ich sagen,
    die ich jemals in diesem Haus gelesen habe.
    Eigener Strang, auf jeden Fall.
    we are in the army now.The Army of Sankt Immen.

  9. #21
    Avatar von slowtiger
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    Gemeinsam mit der Süßen grad gelesen. Beiderseitige Jauchzer. Und Ooohs. Und Aaaahs. Schön!

  10. #22
    Moderator_S Avatar von U_Sterblich
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    Wunderschön. Groß. Heilig.

  11. #23
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    Ich glaube, Elinor war nur zu bescheiden für diese Geschichte einen eigenen Strang zu eröffnen, unberechtigt bescheiden. Die meiste Bescheidenheit ist ja falsche Bescheidenheit

  12. #24

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    Endlich!

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