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Thema: Soundcraft TS24

  1. #1
    Member Avatar von Zerebrum
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    Soundcraft TS24

    Promigeschichte als second hand ...

    Mein Freund Tom, der eigentlich ganz anders heisst, aber lieber inkognito bleiben möchte, mein einziger wahrer Freund, hat eine unbewusste Vorliebe für historische Dinge und Orte.

    Er ist Musiker, in allererster Linie jedoch Inhaber eines kleinen Tonstudios, da er besser delegieren denn musizieren kann. Weil er eines der ehemaligen Ateliers von Joseph Beuys nicht direkt beziehen konnte - diese Ateliers gibt es hier wie Sand am Meer - hat er sich dem, meiner Meinung nach, schönsten gegenüber angesiedelt. Es ist ein kleiner Turm, an einem Hang gelegen, mit einer phänomenalen Aussicht - sofern am Niederrhein so etwas wie eine Aussicht überhaupt möglich ist. Einziehen wollte Tom damals eigentlich nur, weil die Miete so günstig war. ?Der Beuys ist schon so lange unter der Erde, und wir haben nur eines gemeinsam: Er brauchte Platz, ich brauche Platz?. Ein Architekt war jedoch schneller bei den Vertragsverhandlungen, und so bekam dieser letztendlich auch den Turm. Architekten gibt es hier übrigens auch wie Sand am Meer.

    Ich glaube nicht, dass Tom diesen Ort gewählt hat, weil er sich spirituell berühren lassen wollte. Eigentlich ist es hier ohnehin fast unmöglich, den Hinterlassenschaften Beus' aus dem Wege zu gehen. Mich spricht dieser Ort des Schaffens nicht sonderlich an, er ist zwar besinnlich-beschaulich, aber ausser einer alten Straße, dem Turmatelier direkt gegenüber und ein paar Bäumen nicht weiter aufregend.

    Aber in Toms Studio steht ein Mischpult ...

    Dieses Mischpult ist ein altes Soundcraft TS24 (modifiziert für Surroundproduktionen), 72 Kanäle (36 Inlinekanäle), 2 Auxreturnmodule (8 Monofader), umfangreiches Mastermodul mit 2 Stereo-Kopfhörerwegen, TT-Patchbay und Surroundumschaltmatrix, MasterMix Fader- und Muteautomation für jeden Kanal integriert.

    Hat Tom mir erzählt.

    Für mich ist es einfach ein schwerer, schwarzer, alter Kasten mit einer Menge Knöpfen und Reglern, die ich vielleicht in 2 Leben verstehen und bedienen könnte. Dieses Mischpult stand einst in einem Studio in Dublin, in dem eine damals noch nicht so bekannte Musikband aus Irland die meisten ihrer Platten in den 80ern produziert und gemixt haben. Viele werden mit Irland und Band und 80ern sicherlich U2 assoziieren - und liegen damit richtig. Auf diesem Mischpult wurden Alben wie ?Boy?, ?War? oder auch das legendäre ?Joshua-Tree? Album eingespielt. Ich persönlich stehe nicht unbedingt auf U2, bin mir deren Popularität aber natürlich bewusst. Es ist fast wie mit den Ateliers und den Architekten hier vor Ort - teilweise konnte und kann man Bono & Co. nicht aus dem Wege gehen.

    Als ich Tom das erste Mal besuchte, bekam er grade ein Fax aus London. Es stammte von Robert. Robert ist das einzige lebende Wesen, das dieses Pult in und auswendig kennt, er hat dieses Pult praktisch geboren. Robert kennt die Marotten und Wehwehchen des Pultes, und bei technischen Problemen oder Reparaturen kann er - mit leicht zeitverzögertem - Rat zur Seite stehen. Tom las mir dieses Fax vor und lachte anschließend laut: ?Diese Anfrage habe ich ihm vor 3 Monaten geschickt?, sagte er. ?Er wird immer schneller.? Robert ist ständig unterwegs oder betrunken. Oder unterwegs und betrunken. Sagt Tom.

    Immer wenn ich Tom im Studio besuche und mich diesem Mischpult nähere, durchflutet mich ein seltsames, vertrautes Gefühl. Seltsam im Wortsinne, ich sitze einem selten gewordenen Bekannten aus gemeinsam erlebten Zeiten gegenüber. Gemischte Gefühle suchen sich die richtigen Stellen und wärmen meinem Bauch . Jahre, die ich so nie wieder empfinden und leben kann, werden zu Bildern und Farben in meinem Kopf. Ich muß es zwischendurch immer mal wieder anfassen, was Tom regelmässig argwöhnisch beobachtet. Und jedes Mal, wenn ich einen Knopf berühre, einen Schalter umlege (was Tom auf den Tod nicht leiden kann), erwische ich mich dabei wie ich mir vorstelle, dass Bono und The Edge vor diesem Mischpult sassen und über die eingespielten Stücke diskutierten, über manche Passagen vielleicht lachten und feixten. Ein kleiner Strauss aus Bildern, der sich mit eigenen, vergangenen Erlebnissen und Eindrücken vermischt, entsteht - und geht wieder leise.

    So erzählt mir dieses Pult jedes Mal eine Geschichte, und ich möchte noch viele solcher Augenblicke erleben.
    Geändert von Zerebrum (30.01.2002 um 20:37 Uhr)
    Ich mußte sie in Mehl rollen, um die feuchte Stelle zu finden.



  2. #2
    Avatar von Hilde
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    Ich kanns förmlich riechen.
    Meine Kontakte mit der Musikerszene liegen zwar schon länger zurück, aber beim Lesen dieser Geschichte hatte ich gleich wieder den leicht miefigen Geruch von Übungsräumen und den Stromgeruch (ich finde wirklich, das kann man riechen) der Gerätschaften in der Nase.

    Wirklich toll erzählt!!

    Hat der schwarze Kasten so etwas ähnliches wie eine Aura um sich?

  3. #3
    Avatar von Die Wucht
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    Soweit ich sehe, ist das Ihre erste Strangeröffnungsgeschichte, Herr Zerebrum, sehr schön. Auch fein: Das erste Mal wird in diesem Subforum erzählt.

  4. #4
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    Und ich hatte schon befürchtet, es würde auf eine Fettecke hinauslaufen!

    Da ist sie endlich, Zerebrum, Ihre Geschichte - nein: die Beschreibung eines Gegenstandes, Auslösers für viele mögliche Geschichten. Ein Stilleben, auf dem (?) legendäre Alben eingespielt wurden.

    Hilde, Sie fragen nach der Aura: es ist die Aura der Nostalgie. Geräte wie die TS24 existieren nur noch als downloads, für EUR 149.-

    Aber denen fehlen die Tabakskrümel in den Reglerschlitzen.

  5. #5
    Member Avatar von Zerebrum
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    Die Aura ist tatsächlich so wie Sie es beschreiben, Tiffany Nudeldorf. Ich habe tatsächlich nach irgendwelchen geheimen, versteckten Hinweisen gesucht. Sei es eine Kritzelei im Lack "Bono is deaf" oder eben besagte Tabakkrümel. Aber da ist leider nichts. Schwarz, groß und schwer steht dieser Kasten da. Irgendwie erhaben, kein Gefühl zum downloaden für 149 Euro.

    Sie haben richtig aufgepaßt, Wucht. Der Strang hier dürfte doch richtig sein ?!
    Ich mußte sie in Mehl rollen, um die feuchte Stelle zu finden.



  6. #6
    Runzelmember
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    Wunderbar !
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    Hunter S. Thompson

  7. #7
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    sehr schöne Geschichte, Zerebrum. Besonders schön für mich, weil sie am Niederrhein angesiedelt ist und genauso ruhig erzählt wird, wie ich die wunderschöne Landschaft dort empfinde (ein Teil meiner Familie wohnt in Kleve und deshalb fahre ich da öfter mal hin).
    Über die Architekten und die Beuysschen Hinterlassenschaften musste ich doch sehr schmunzeln, wie wahr, wie wahr.

  8. #8
    Member Avatar von Zerebrum
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    Anna B, einen "Nachbarn" hätte ich hier am wenigsten erwartet. Möchten Sie einen Keks zu ihrem Tee ?

    Der Niederrheiner an sich ist gewöhnlich stur und stur und er ist stur. Er ist von einem Virus infiziert, strikt nach Vorschrift mit dem Auto unterwegs, dieses durch ein gelbes Kennzeichen markiert. Dieser Virus belagert regelmäßig Tankststellen und Supermärkte in der ganzen Provinz. Autofahren kann der Niederrheiner selbst aber auch nicht, von daher fällt das nicht weiter auf.

    Nach mittlerweile 2 Jahren im Exil freue ich mich aber doch auf die Rückkehr nach Köln. Kölns Szene ist zwar auch nicht viel größer als am gesamten Niederrhein, etwas aber immerhin doch.

    Vermissen werde ich die unkontrollierten Feuerwerke zur Schwanenburg, ich wohne hier in der Altstadt mit direktem Blick auf diese, sehr schön und lecker. Vermissen werde ich das sicherlich. Auch werde ich den freundlichen Regen hier vermissen und die typische Schwermut, die mit diesem Regen einhergeht. Ein Hans-Dieter Hüsch kann nur von hier oben stammen.

    "Lobet den Gott Gelassenheit " paßt hier vorzüglich.
    Ich mußte sie in Mehl rollen, um die feuchte Stelle zu finden.



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