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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Deutschmann, Matthias (sucht die Knollensellerie-Taste)



Lilaxista
26.02.2004, 13:36
Ein Vormittag, an dem man beim Frühstück um halb zehn noch Licht anhat. Einsetzender Schneefall, ungemütlicher Wind, der Himmel trübt zusehends ein. Einkaufen gehen, bevor es sich richtig einschneit.
Vor dem Edeka Neukauf sitzt, wie so oft in letzter Zeit, der Bettler mit dem blauen Pulli, er gehört zu einer Gruppe von professionellen Bettlern, die dünn bekleidet und erbärmlich anzuschauen die Passanten beknien, eine offenbar sehr robuste Züchtung aus Rumänien oder Albanien mit eingebautem Schüttelfrost und Dackelblick, nach getaner Arbeit sieht man sie sich dann am Wiehrebahnhof treffen und gemeinsam von dannen ziehen. An wen sie wohl ihre Einnahmen abzutreten haben?
Er hockt da, an den Baum gekauert neben den Einkaufswagen, dort wo auch die Hunde angeleint werden und zittert wie immer. Nur einmal hat er nicht gezittert, das war vorgestern, als die Polizei seine Papiere überprüft hat. Ein altes Mütterlein wirft ihm etwas in die Mütze, die neben ihm auf der Erde liegt. Ich denke nur kurz, dass es wohl immer Bettler im Schnee geben wird und spende nichts.

Im Edeka steuere ich zunächst das Gemüse an. Karotten und Lauch sind schnell gegriffen, beim Knollensellerie – unentbehrlich für eine kräftige Hühnerbrühe wie ich sie plane – bleibe ich eine Weile stehen. Es liegen 7 oder 8 etwa gleich große Knollen im grünen Plastikkorb, ich wäge einige in der Hand und entscheide mich schließlich für ein etwas gedrungenes Exemplar, das mir aber die rechte Knackigkeit zu besitzen scheint. An der Kasse muss ich lange anstehen und starre angewidert auf die Aufschrift ‚sanft und fest’, die die Verpackung meiner zwei Rollen Toilettenpapier ziert.

In der von hier einsehbaren Gemüseabteilung steht der Kabarettist Matthias Deutschmann. Er hat eine tarnfarbene Jacke an und einen großen roten Nylonrucksack auf dem Rücken, seine nicht ganz kurzen hellbraunen Haare sind wie frisch gewaschen und vom Wind in unkonventionelle Form gebracht, er wirkt erstaunlich naturnah. Und er scheint Probleme zu haben, die richtige Taste an der elektronischen Gemüseswaage zu finden. Sein rechter Zeigefinger irrt über die Tastatur, der Knollensellerie in seiner Linken (war es einer, der auch in meine engere Auswahl gefallen war?) wird langsam ungeduldig.
Deutschmann gibt auf und erwartet sich von Verkäufern, deren Nähe er akustisch vernimmt, rasche Aufklärung. Zwei Angestellte des Ladens schieben gerade einen großen Turm Leergut (Rothaus Tannenzäpfle) Richtung Lager, vorbei an Deutschmann, vorbei am Gemüse. Deutschmann versucht sich über die Absperrung hinweg Aufmerksamkeit zu verschaffen. Aber Herr Stader – so weist das Namensschild den eifrigen Mitarbeiter aus – und das Faktotum dieses Ladens, ein großer, vollbärtiger, immer zu eigentümlichen Späßen aufgelegter Urbadener, sind gerade in wichtige und lautstarke Gespräche vertieft, es fallen Worte wie „Frischfisch“ und „des Zeug“, dann wird am Wagen geruckelt und gezerrt, nana, sanft und fest, meine Herren, Deutschmann steht, den Sellerie erhoben, immer noch hinter der Absperrung und versucht mit zunehmender Dringlichkeit, Kontakt zu einem von den beiden Männer herzustellen. Schließlich findet sein mit deutschmanntypisch runden Lippen artikuliertes, mehrfaches „Hallo“ Gehör und Herr Stader wendet sich dem wesentlich größeren Kunden zu. Deutschmann fragt nach der Nummer des Selleries, und bekommt den Hinweis, diese sei doch offenkundig sichtbar auf der Tastatur angebracht. Es gibt ein wenig Händeschwenken und Hin- und Herzeigen, Deutschmann dreht sich wieder zur Waage um.
Dort ist inzwischen ein alter, zittriger Mann dabei, sein Beutelchen Feldsalat abzuwiegen, Deutschmann schaut ihm über die Schulter, und wie es so ist: nun entdeckt er auf Anhieb die gesuchte Ikone des Gemüses. Entschuldigend die Handflächen nach oben kehrend blickt er noch einmal herüber, ach, da ist es ja, hab ich einfach nicht gefunden vorhin. Er wiegt die Knolle ab und verschwindet hinter Regalen.

Ich verlasse den Laden und gehe mit voller Tasche und gemischten Gefühlen an dem unentwegt zitternden Bettler vorbei zu meinem Fahrrad. Der Schneefall ist heftiger geworden. Meine Fingerspitzen sind augenblicklich ausgekühlt. Eine weitere alte Frau lässt mitleidig etwas in den Bettlerhut fallen. Sie zieht sich im Aufrichten den Schal enger um den Hals, schnürt ihren Mantel. Als ich um die Ecke biege fällt mein Blick auf das Schaufenster der Metzgerei: sechs satte Hühnerkörper hocken da gemütlich im Gestell und gondeln warm und fröhlich brutzelnd auf und ab.