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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Westwood, Vivienne (und die Horizontale)



Die Wucht
25.10.2001, 23:08
Der Tag, als meine Cousine vom Lande in Berlin eintraf, war auch der Tag der Massen-Prominenten-Begegnungen. Es war in einem Sommer Mitte der 90er.
Meine Begeisterung darüber, der frisch verklagten Bärbel Bohley angesichtig worden zu sein, konnte ich mit meiner Cousine nicht teilen. Bohley und Gysi sagten ihr nichts. Ein gutbürgerliches, wohlhabendes Mädchen vom fernen Schwabenland eben. Politik ist da 'IIIH', wenn Gedrucktes, dann Frauenzeitung. Manche Schauspieler aus dem Fach 'Ach, war das nicht der, na, du weisst schon..' zogen ebenfalls ihre Runden auf dem Winterfeldtplatz. Kurzfristig wog ich mich in dem Gefühl, ihr etwas geboten zu haben.
Sie wollte unterhalten werden und ich liess mich in die Zange nehmen. Der Theaterbesuch missfiel ihr, das Gespräch mit meinen Freunden und mir auch. Sie lächelte lieb und freundlich und hielt sich zurück.
In der Nacht gingen wir an der Oranienburger Strasse, zu einem Imbiss, der inzwischen von einer Touristenfallenkneipe verdrängt wurde. Auf dem Weg dorthin schlenderten wir an den Damen aus dem horizontalen Gewerbe vorbei. Leibhaftige Barbiepuppen! Wieder stellte sich bei mir das Gefühl ein, meiner Cousine etwas geboten zu haben.
Es war halb zwei. Wir bestellten an dem Imbiss-Wagen unsere Speisen und warteten. Ich hatte dabei den Eindruck kurzfristig auf Zwergengrösse geschrumpft zu sein: Um mich herum standen sehr grosse, sehr gutaussehende, enorm schick gekleidete Menschen. Es war nicht völlig abwegig zunächst zu denken, die Prostituierten sehen aus der Nähe besser aus, als man meinen könnte. Bei näherem Hinsehen verwarf ich diesen Gedanken dann wieder. Ihre Erscheinungsbilder waren einheitlich - insofern gab es eine Parallele zu den Huren von der anderen Straßenseite. Zudem trugen sie sehr hohe Absätze - eine weitere Parallele. Aber die mich umzingelnden sechs oder sieben Menschen waren durch und durch edel gekleidet, ihre Gesichter waren von einer seltenen Ebenmässigkeit. Sie waren zu schön um sie dem horizontalen Gewerbe zuzuordnen.
Nach einigen Minuten bekamen wir unser Essen, zogen ab. Kaum fünf Meter entfernt, sagte meine Cousine zu mir im Brustton grösster Wichtigkeit und Aufgereigtheit: 'Ich werd' verrückt! Da war Vivienne Westwood!' Ich drehte mich um und sah unter den Zweimetermenschen eine kleine, feine, Dame, die ein Kleid mit einem riesigen Ausschnitt mit aufstrebenden Brüsten trug, ein Pappschälchen Currywurst in der einen, einen Plastikpieker in der anderen Hand. Sie lächelte mich an, von Schälchen zu Schälchen.
(Beitrag wurde von Die Wucht am 25.10.2001 um 22:12 Uhr bearbeitet.)

Andrea Maria
26.10.2001, 00:32
Genau da in der Oranienburgerstrasse und nur da kann sowas passieren. Ich sehe das sehr lebhaft vor mir. Auch die Geräusche der einparkenden türkischen BMWs und Designeraudis höre ich und den Duft, der von der megagutbesuchten Körriwurstbude an der Ecke da rumweht.

DonDahlmann
26.10.2001, 09:38
Klasse Geschichte. Schlimme Ecke, da. Bis auf die 'Bar Celona' in der man wirklich extrem gute Tapas bekommt. Was mich an der Geschichte ein wenig stört ist, das sie etwas schleppend voran geht. Mag aber auch daran liegen, das es noch so unsäglich früh ist.

Aporie
26.10.2001, 23:16
Sprachliche Manierismen ('angesichtig geworden zu sein'), Gemeinplätze ('horizontales Gewerbe') und manchmal beides 'Touristenfallenkneipe' verstellen etwas die Aussicht auf so gute Sätze wie den letzten. Ihre Epigramme gefallen mir besser.

Die Wucht
27.10.2001, 14:39
Danke für die Erwiderungen und die konstruktive Kritik. Ich werde daran arbeiten. Gelegentliche Marinade möchte ich mir in Zukunft dennoch gestatten, vielleicht geschmeidiger abgeschmeckt.
Einige Zeit später traf ich Vivienne Westwood noch einmal und wieder kreuzten sich unsere Blicke. Ich schaute in ihren Ausschnitt und sie blickt mir auf die Beine. Sie trug an diesem Tag wieder ein sehr weit ausgeschnittenes Oberteil und ließ ihre Brüste aufwärts streben. Als sie sich auf ihrem Stuhl vorbeugte, um vom Boden etwas aufzuheben, dachte ich, jetzt fallen sie gleich raus und werden über den raffinierten Applikationen baumeln. Beim Aufrichten blieb ihr Blick an meinen Beinen hängen. Dort ruhten ihre Augen ein Weilchen. Als wir bemerkten, dass wir uns beäugten, lächelten wir uns an.

Andrea Maria
27.10.2001, 14:42
Weshalb betrachtete sie Deine Beine?

Die Wucht
27.10.2001, 14:48
Ich trug einen kurzen Rock. Aber warum genau sie geguckt hat, weiß ich nicht. Ich habe keine buntbemalten Gibsbeine, aufregende Tätowierungen oder selten gemusterte Nylons zur Schau gestellt. Vielleicht wollte sie einfach mal gucken, wie's bei anderen unter dem Rock aussieht.

Andrea Maria
27.10.2001, 15:21
Vivienne Westwood ist eine Modefachfrau. Es muss entweder modisch oder anatomisch aufregend für sie gewesen sein. Und sie ist eine Anhängerin der Teilentblössung.

Walter Schmidtchen
27.10.2001, 17:52
Ich find an Vivienne Westwood auch gut, dass sie so gelbe Zähne hat

vir
10.05.2002, 11:15
Vielleicht hat sie einfach nur schöne Beine, die Wucht?

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Endlich mal die Wucht gewuchtet

Die Wucht
10.05.2002, 14:51
Wow, gewuchtet von Virchow - und sei's nur meiner Beine wegen - geht's mir gut!

honz
10.05.2002, 15:38
Es geht hier also um die Beine der Wucht und die Brüste der Westwood (Wucht Westwood ist übrigens kein so schlechtes Pseudonym).

Ich wiederum kenne die Beine von Vivienne Westwood, und zwar die Innenseite der Oberschenkel zwischen Strumpf und Höschen, sie passen zu den Zähnen. Näheres dazu hier (http://www.alles-bonanza.net/forum/showthread.php?s=&postid=91856#post91856)

Die Geschichte steht im Mörderstrang, ein sehr lesenswerter Strang, vor allem die großartige Mördergeschichte mit dem heruntergefallenen Zweimarkstück von lacoste gleich am Anfang des Stranges

Klede
26.01.2004, 21:50
Die Gemaeldegalerie war gestern erstaunlich gut besucht aber leider wegen des schlechten Wetters auch schlecht beleuchtet. Sobald das Oberlicht nicht genug Licht hergibt, wird die kuenstliche Beleuchtung eingeschaltet und man muss sich die Gemaelde entweder aus grosser Entfernung oder unguenstigen Winkeln anschauen, da sich sonst das Kunstlicht spiegelt und man so gut wie nichts erkennt.

Im grossen Saal X, in dem ich an die Mosesszene aus Mel Brooks "History of the World" denken und kichern musste, fiel mir eine Frau auf, die vor Rembrandts Mennonitenprediger Anslo stand: knallorange Haare, wirr zusammengebunden, ein graues formloses Sweatshirt, eine alte graue Jogginghose, dazu weisse Brogueschuhe und, um die Huefte gebunden, eine grellbunte Ballonseidenjacke, die man sonst eher in Berichten ueber Moskauer Strassenkinder sieht, komplett mit Schmuddelflecken und -loechern. Die Rembrandts waren ihr anscheinend egal, sie verliess nach kurzer Zeit den Saal.

Eine halbe Stunde spaeter sah ich die Frau wieder, diesmal vor einem Tizian, der Venus mit dem Orgelspieler. Der Tizian interessierte sie mehr, sie starrte das Gemaelde an, ging ein zwei Schritte zur Seite, oder nach vorn, oder nach hinten, hielt wieder still und starrte weiter. Irgendwann sah ich ihr Profil und erkannte, dass die Frau Vivienne Westwood war. Eine halbe Stunde spaeter sah ich sie nochmal vor einem Bellini, genau so konzentriert, sie ruehrte sich sogar noch weniger als vor dem Tizian. Die Frau ist mir egal, ich weiss kaum etwas ueber sie, aber sie scheint Italiener mehr zu moegen als Hollaender.

Der von honz verlinkte Strang ist uebrigens ein Juwel.