Ergebnis 1 bis 3 von 3

Thema: Tom & Tim

  1. #1
    Member Avatar von rapsak
    Registriert seit
    07. 2001
    Ort
    berlin
    Beiträge
    195

    Tom & Tim

    Geben wir es ruhig zu: irgendwann mal waren wir doch alle Tom-Waits-Fans (zumindest wir älteren), und sei es, weil wir gerade mal wieder sehr unglücklich verliebt war und irgendein sog. Freund ausgerechnet dann auch noch 'Walzing Mathilda' auflegen musste, um uns so richtig im Weltschmerz unserer geschundenen Gefühlsgedärme suhlen zu können.

    Derzeit bin ich alles andere als unglücklich verliebt, zum Glück, und so kam es, dass meine Herzallerliebste vor Kurzem von ihrem Englischlehrer (nein, die Dame ist NICHT minderjährig, Englisch kann man garnicht lang genug lernen!) auf Tom Waits' diesjährige Europatournee aufmerksam gemacht wurde, und wir uns sagten: den würden wir schon gerne mal live sehen! Also ab ins Netz, kurz bei Wiki vorbeischauen, wie alt der Knabe eigentlich heute ist (59), und dann auf die Suche nach den Tourdaten. Für uns Berliner hieß die nächste Anlaufstelle Prag. Super, dachten wir: endlich ein guter Grund, mal wieder an die schöne grüne Moldau zu fahren und leidlich böhmisch zu essen (denn die beste böhmische Küche gibt es unwiderruflich in Wien!).

    Jetzt brauchten wir also nur noch zwei Karten. Und das wurde zu einem Online-Abenteuer erster Klasse: was man da alles in die Maske eingeben musste, um an eine (!) Karte zu kommen, hätte jeden Datenschützer um den Rest Verstand gebracht, den ihm diese undankbarste aller Aufgaben überhaupt noch läßt. Aber nach schlappen und nicht übertriebenen 2 1/2 Stunden vor der Tastatur war ich endlich stolzer Besitzer zweier Karten für das bestuhlte Prager Tom Waits Konzert. Natürlich waren die Sitze nicht nebeneinander, man durfte ja immer nur eine bestellen, aber das tat unserer Freunde über die Fahrt keinen Abbruch, man sitzt schließlich lang genug im Zug nebeneinander, und letztlich kann man sich einem Konzert ja auch viel besser hingeben, wenn man nicht dauernd schauen muss, ob die Herzdame noch genug zu trinken im Becher hat. Flugs also noch ein nettes Hotelzimmer und die Reise gebucht, und der Prag-Trip war perfekt!

    Das Konzert fand im Prager Kongresszentrum statt (www.kcp.cz), ein monstös großes Achziger-Jahre Ufo, das irgendwo in den südlichen Gefilden der Stadt gelandet ist und den Flair verflossener Kommunismus-Grandezza verstömt. Wer etwas für das Berliner ICC oder das Münchner Gasteig übrig hat, sollte sich das Prager Pendent dazu nicht entgehen lassen! Dass die Tschechen auch noch im Jahr 19 nach dem Ende der Unterversorgung immer noch Meister im Schlange stehen sind, bewies uns die Disziplin bei der Einlasskontrolle: die Besucherkolonne mäanderte wunderbar um sich selbst, keiner drängelte sich vor, und wenn doch, so konnte man sicher sein, dass er/sie/es westlich sozialisiert war. Und selbst das nahmen die Wartenden nur achselzuckend und ohne Murren zur Kenntnis - der Tom wird schon auf uns warten, und außerdem sind die Plätze ja eh nummeriert!

    Im Inneren des Ufos verlor man sich dann schnell in unendliche, neokafkaeske Fluren, in denen nur selten mal ein verlorener Security-Mensch herumstand. Die meisten der reichlich vorhandenen Bars und Theken waren geschlossen, und die eine, die wir geöffnet fanden, war mit dem Ansturm der Dürstenden restlos überfordert. Wie schön, dass es noch Ecken auf dieser Welt gibt, wo man nicht nur als Geld verdienen denkt! Nur dumm, wenn man vom Mittagessen im Zug Durst bekommen hatte und der Mund ausgedörrt war. Immerhin: die UFO-Toiletten waren überaus anständig und sauber, also trank ich etwas Wasser aus der Leitung. Und dann ab mit uns in den Konzertsaal.

    Der Saal verströmte den Duft vergangener Plenarsitzungen der tschechischen KP, die hier wohl bis zu ihrer Selbstauflösung getagt haben dürfte. Lange, sanft ansteigende beigfarbene Samtsesselreihen, oben ein breiter Balkon, dazu hellbraune Fichtenpanele an den Wänden. Glitzernde Deckenlampen vervollständigten das Bild eines Paradieses für Parteifunktionäre. Zum Glück kommen die Tschechen nicht wie wir auf die Idee soetwas gleich abzureissen, nur weil sich die politische Führung ein bißchen umorientiert hat. Bei der Breite der Sitzfläche hat man sich dort wohl an den Durchschnitssmassen eines ZK-Hinterns orientiert, jedenfalls hätte uns zwei so betrachtet schon ein Sitzplatz genügt. Aber dann hätten wir sicher einen der depressiven Security-Leuten aus seinem Halbkoma gelockt, und das wollten wir nun auch wieder nicht. Also trollte sich jeder von uns auf seinen Platz, zwischen uns ganze 13 Reihen, und jeder für sich konnte die in der Armlehne verborgene, herausklappbare Ablage mit Kunstholz-Laminatbeschichtung bewundern.

    Ach ja, und irgendwo sehr weit vorne, auf einer fußballplatzgroßen Bühne, stand eine zweite, niedlich kleine Bühne, auf der einige Instumente harrten, bespielt zu werden, und auf der kleinen Bühne dann noch eine dritte, winzige Bühne für den Star des Abends. Der ließ sich naturgemäß Zeit mit seinem Erscheinen, die Unruhe im Saal hielt sich aber in engen Grenzen, zu bequem waren die ZK-Sessel, um den lässig protestierenden Rock'n'Roller raushängen zu lassen. Lieber versank man in seinem Fauteuil und ließ dem guten Tom die Zeit, die er für sich beanspruchte.

    Das Publikum war bunt gemischt wie selten: Charta-77-erprobte Althippies neben jungen Post-Cold-War-NGO'lern, Sandfarben gewandete Mittelscheitel neben Ayurvedagestählten Langmähnen, Galeriebesitzer neben Pizzabäckern, und irgendwie jeder für sich auf seinem eigenen Sessel-Stern, alle wie ich fernab von jenem Menschen, mit dem man hergefahren war. Und wie mein Blick so durch den Saal schweift - Achtung, jetzt kommt's! - sehe ich einen groß gewachsener, pausbäckiger Mann Ende Vierzig durch den Gang schlendern. Eine Reihe vor der Meinen bleibt er schließlich stehen, prüft sein Ticket und sucht dann seinen Platz auf, sich bei jenen artig bedankend, die ihre Beine anziehen, um ihm Platz zu machen.

    Ich brauchte keine Sekunde um den Mann zu erkennen, obwohl ich ihn niemals zutreffen erwartet hätte, schon garnicht hier in diesem UFO: es war Tim Robbins. Ja, ebenjener Tim Robbins, der in Robert Altmans Filmen regelmäßig zu Höchstform auflief, der sein Können unter Terry Jones oder Clint Eastwood bewies, kurz: einer der wenigen Hollywoodstars, die mir wirklich ganz ganz großen Respekt einflössen! Und dieser Mann sitzt auf einmal 3 Meter vor mir, wirkt angenehm psychisch gesund, straft dem alten Vorurteil Lügen, dass Hollywoodstars in natura viel kleiner sind als sie auf der Leinwand wirken, und freut sich wie ich auf ein Konzert seines Landmanns Mr. Waits. Ich war schlichtweg überwältigt!

    Wenig später betrat Tom die Bühne auf der Bühne auf der Bühne und verbog sich hinter einem Mikrophonständer. Nach einem kurzen musikalischen Intro stapfte er kräftig mit dem Fuß auf. Eine Staubwolke stieb auf und umhüllte ihn. Es sollten zwei beeindruckende Konzertstunden folgen, in denen sich Waits durch die Highlights seines Repertoirs krächzte, heute noch so gut schlecht bei Stimme wie vor zwanzig Jahren. Diese Stimme kann selbst der samtigste aller Sessel nicht schlucken. Während des Konzerts wußte ich nie, wohin ich meinen Blick richten sollte: nach vorne zu Tom oder zur Seite zu Tim. Ein Saal mit zwei so charismatischen Erscheinungen zur gleichen Zeit sind eindeutig zu viel für einen Freizeitpaprazzo wie mich. Und wenn ich heute, gut 8 Wochen nach dem Konzert, daran zurückdenke, so weiß ich immer noch nicht, was mich letztlich mehr beeindruckte: die Performance von Tom Waits oder die stille Aura von Tim Robbins. Er schien das Konzert jedenfalls sehr zu geniessen...
    solvitur ambulando

  2. #2
    Large Member Avatar von vir
    Registriert seit
    07. 2001
    Ort
    Pulitz
    Beiträge
    5.225
    Ach herrlich, Kinder.

  3. #3
    Remember
    Registriert seit
    04. 2001
    Ort
    Berlin
    Beiträge
    5.292
    Tim Robbins ist natürlich super, immer einer der Lieblingssschaupieler. Was mich an der Geschichte charmiert: "Geben wir es ruhig zu: irgendwann mal waren wir doch alle Tom-Waits-Fans." 95 in Leipzig traf ich mich einmal die Woche, um mit einer Cellisten Brahms e-moll Sonate zu spielen, sie hervorragend, ich schlecht, anschließend tranken wir drei Flaschen Rotwein und hörten Tom Waits, sehr einfaches Glück. Wir sollten dann in der Musikschule auftreten, ich probierte seinerzeit Klavierlehrer durch, zwei Stunden vor der Aufführung hatte ich bei einer Unterricht, die groteske Honoraransichten hatte, ich feilschte, das zog sich in die Länge, dann erklärte sie mir minitiös, was ich alles nicht kann, warum die Brahms e-moll Sonate viel zu hoch für mich sei, warum das geradezu lächerlich sei, das jetzt aufzuführen. Danach ging ich mit der Cellistin die Halle zum Musiksaal runter, ich: guter Pullover, sie: das war eben albern.

    Erst vor kurzem begriffen, dass für die Qualität von Tom Waits auch der unglaubliche Gitarrist Marc Ribot verantwortlich ist.

    So musikalisch möchte man doch nur für 5 Sekunden sein und kann sich dann direkt in das Grab werfen.

    Blues, bester.
    Geändert von Elpenor (20.04.2009 um 00:43 Uhr)

Aktive Benutzer

Aktive Benutzer

Aktive Benutzer in diesem Thema: 1 (Registrierte Benutzer: 0, Gäste: 1)

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •