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Thema: Ein Prominenter, dessen Namen ich nicht kenne

  1. #1
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    Ein Prominenter, dessen Namen ich nicht kenne

    Auf einer dreiwöchigen Sprachreise nach England hatte ich sie kennengelernt: Sie war fünfzehn, ich siebzehn. Dover war vom Meer aus ganz imposant mit seinen weißen Klippen, hatte aber sonst nicht viel zu bieten; ein verwinkeltes Antiquariat hatte ich entdeckt; dort kaufte ich mir eine Ausgabe von Byrons „Don Juan“ von 1828 und eine gebundene Ausgabe des Jahrgangs 1894 der Satirezeitschrift „Punch“ in zwei Bänden. Der „Punch“ war von vornherein überflüssig, und der „Don Juan“ taugte auch nichts, wie ich später feststellte: Als ich nämlich vor ein paar Jahren einmal in Geldnot war, wollte ich das Ding in Berliner Antiquariaten versetzen, wo mir aber nach kurzer Recherche in den Katalogen mitgeteilt wurde, dafür bekäme ich allerhöchstens 50 Mark, weil das Frontispiz fehle. Also habe ich den „Don Juan“ behalten. Gelesen habe ich ihn bis heute nicht. Ist auch leicht besser so. Jedenfalls aber teilten wir die Neigung für alte Bücher. Sie kannte dieses Stöbern in Antiquariaten und auf Flohmärkten von ihrem Stiefvater, der einen gewaltigen Sammeltick und eine ganz schöne Bibliothek angelegt hatte. Ihre Mutter sammelte alte Schreibmaschinen und Stenografiehandbücher und war schwer katholisch. Das erfuhr ich allerdings erst später. Jessika war schüchtern und weich. Sie trug zu ihren Jeans Birkenstocksandalen, hatte aber immer rot lackierte Zehennägel. Bei einem Tagesausflug nach London gingen wir in die ganzen Antiquariate an der Charing Cross Road. Bei dem obligatorischen wöchentlichen Discobesuch galten wir ab der zweiten Woche als Paar. Es war ein schlimmes Gewürge von Anzüglichkeiten und falschem Wohlwollen, das nur sehr unzulänglich die Frage verhüllte. „Und? Habt ihr schon gefickt?“ Hatten wir nicht, nur „geknutscht“, wie man sagt. Ach der Sommernächte am Strand von Dover, der sternübersprenkelten, meeresumrauschten.

    Nur ist man bei einer solchen Sprachreise praktisch rund um die Uhr eingebunden und von anderen schwerst triebgeschädigten Pubertierenden oder sogar schon vollrohr Geschlechtsreifen umgeben, die mit destruktiven Bemerkungen nicht sparen, so daß die Liebe meinerseits rasch verwehte: Augenmilch ist Granit dagegen: Nevermore, ach, Annabel Lee. Im Grabe, da küsse ich sie.
    Nicht so allerdings empfand Jessika, die weiter in mich verliebt blieb. Zurück in Deutschland, - sie in Berlin, ich in Hannover, - begannen wir uns zu schreiben. Ihre Briefe waren anfangs noch immer so weich und verliebt, wie sie damals in Dover. Außerdem fing sie an, ihre Briefe zu illustrieren und Malerei studieren zu wollen. Ihre Mutter war nicht nur katholisch und in der CDU, sondern auch überaus ehrgeizig; so mußte es für die beiden Töchter schon unbedingt das Canisius-Kolleg sein, obwohl zumindest die jüngere Schwester dem intellektuell überhaupt nicht gewachsen war. Nach dem Abitur begann Jessika dann tatsächlich an der HdK Kunst zu studieren. Mittlerweile hatte sie schon ein paar Freunde gehabt, und an der HdK muß es ziemlich rauh zugehen; der permanente Konkurrenzdruck halt. Jessika veränderte sich entsprechend auch zusehends, der Ehrgeiz, den sie an ihrer Mutter einmal gehaßt hatte, griff auch auf sie über, sie war bei den Cusanern und fing noch während des Studiums an, bei der Zukunftswerkstatt von Daimler-Chrysler zu arbeiten. Auch malte und zeichnete sie jetzt nicht mehr, sondern fotografierte nur noch und bearbeitete die Fotos dann digital.
    Ich war inzwischen von Hannover, wo ich zu studieren begonnen hatte, nach Berlin gezogen. Es blieb nicht aus, daß wir uns zu streiten begannen; an die Anlässe erinnere ich mich nicht mehr im einzelnen, nur daran, daß sie z. B. eine Werbekampagne von Benetton gut fand, bei der mit schockierenden Fotos für diese scheußlichen bunten Klamotten geworben und angeblich zugleich „politisches Bewußtsein“ geweckt werden sollte: Ein Foto zeigte etwa die blutige Unterhose eines erschossenen Bosniers. Ich fand, das sei der reine verwerfliche Scheißdreck; auch konnte ich Daimler-Chrysler nicht so gut finden wie sie. Nach einer Reihe solcher Streitigkeiten brach ich den Kontakt ab.


    Jahre später, - wir hatten in der Zwischenzeit nichts mehr voneinander gehört -, war ich mit einer Freundin in einer Kunstausstellung im Hamburger Bahnhof. Wir waren fast durch, und ich drehte mich von einem der letzten Bilder wieder zum Gang um, da sah ich Jessika; sie hatte mich schon entdeckt und lächelte mich verschmitzt an, wie früher einmal, als wir uns gekannt hatten. Sie war nicht allein, sondern in Begleitung zweier Männer; der eine war ungefähr gleichaltrig und sah ganz sympathisch aus, der andere aber war ein bärtiger, fetter Riese mit Stetson, ich näherte mich und hörte den Dicken sagen: „Do you know this guy?“ Jessika stellte uns vor, ich stellte die Freundin vor, und nach einer kurzen betretenen Pause sagte ich, vielleicht könnte man ja mal wieder telefonieren. Und tschüss. Eine Woche später rief ich dann tatsächlich bei ihr an. Das erste, was sie zu mir sagte, war: „Jetzt denkst du bestimmt, daß ich mit dem XXX ins Bett gehe, um eine Ausstellung bei ihm zu bekommen." Ich wußte nicht, wie mir geschah, hatte den Namen noch nie gehört, den Mann noch nie gesehen, und bei der Vorstellung der beiden im Bett dachte ich sofort: Er wird sie zerquetschen. Ich hatte schon keine Lust mehr, ließ mir noch erklären, daß der dicke Stetsonträger ein weltberühmter Galerist aus New York sei und eine Ausstellung von ihren Arbeiten bei ihm im Gespräch und legte rasch auf.
    Seitdem habe ich sie auch nicht wieder angerufen.

  2. #2
    Avatar von lacoste
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    tja...

  3. #3
    Avatar von lacoste
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    Ich habe in akuter Geldnot mal eine komplette Ausgabe aller Schillerwerke von achtzehnhundertnochwas verkauft und nur 200 Mark bekommen, weil irgendwie doch ein Band fehlte!

  4. #4
    Avatar von lacoste
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    Und ich möchte bitte nicht, dass jetzt Graf Aandryckzuck hier reinschneit und erzählt, wie wir mal bei einem angesehenen Auktionshaus versuchten, meinen echten Schiller-Brief für teuer Geld zu verkaufen!

  5. #5
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    Danke, Lacoste. Mir war schon bang, daß es der Geschichte doch allzusehr an Witz fehlt.

  6. #6
    Avatar von Goodwill
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    Ich muss außerdem einen gewissen Mangel an Ehrgeiz konstatieren, den unbekannten Prominenten bekannt zu machen; und sei es auch nur mit Hilfe von eigener Recherche.

  7. #7
    Avatar von Alberto Balsam
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    Woher der Irrglaube, eine Geschichte müsse Witz haben?
    Die Geschichte ist gut gemeint, aber langweilig, Witz hat sie auch keinen, aber das muss sie ja auch nicht.
    Und wofür bedanken Sie sich bei Lacoste?

  8. #8
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    @Goodwill: Naja, wenn die Geschichte überhaupt eine Pointe haben sollte, dann die, daß der Typ für mich überhaupt keine Prominenz war- von der hervorragenden Körpergröße abgesehen -, mir der Name auch nichts sagen würde, wenn ich ihn umständlich ermittelte, er aber trotzdem richtig schön destruktiv wirkte.

    @Balsam: Die Kritik akzeptiere ich. Bei Lacoste habe ich mich bedankt, weil sie erstens überhaupt und zweitens spielerisch reagiert hat.

  9. #9
    Avatar von Alberto Balsam
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    Viel Spaß übrigens heute Abend bei Supatopcheckerbunny!

  10. #10
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    Danke! Muß auch gleich los, damit ich pünktlich komme.

  11. #11
    Member Avatar von DerSchorsch
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    lacoste verfügt durchaus über einen gewissen Witz.

  12. #12
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    Das hat ihr ja auch niemand abgesprochen; ich hatte lacoste ja im Gegenteil dafür gedankt, daß sie auf meine eher unwitzige Geschichte spielerisch und witzig geantwortet hat.
    Übrigens haben Sie ihren Aprilscherz gesehen? Klar hat die Witz!
    Und ich bin ja krank, daß ich um die Zeit noch antworte.
    Könnte jemand dafür sorgen, daß dieser Strang hier in ein Nebenforum runtergewuchtet wird: Ist mir nämlich inzwischen etwas peinlich.

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