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Thema: Lassnig, Maria (kommt aus dem Klo)

  1. #1
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    Lassnig, Maria (kommt aus dem Klo)

    Nun muss ich also preisgeben, dass ich seit Jahr und Tag eine Ex-Punk- und immer noch Undergroundfriseuse in Wien frequentiere. Sie ordiniert im für das geübte Auge schicken Grungevorzimmer ihrer geräumigen Altbauwohnung und kocht den besten Kaffee. Vor zwei Wochen ist ihr zum ersten Mal etwas schief gegangen mit mir: der Schnitt war toll und bezog jedes weiße Haar dekorativ ein, allein: die Frisur passte mir nicht. Vermutlich weil ich damit aussah, wie damals 1968, als meine Eltern sich trennten und ich mich im Vergleich mit C.D. extrem hässlich fand. (Die Geschichten darum herum sind offenbar im Orkus des Forumscrashs verschwunden. Wenn ich sie noch auf der Festplatte des vorletzten Laptops finde, stelle ich sie wieder ein, da nun der Anlass gekommen ist. Vielleicht eröffne ich einen Strang YSL, oder hänge sie an einem solchen an.)

    Zurück zum Desaster der Frisur, die mich in tiefe pubertäre Insuffizienz- und Schamgefühle stürzte. Das ließ ich heute korrigieren, nachdem ich gestern aus Paris zurückkam, wo nicht nur YSL verstorben war, sondern auch meinen Vater der Schlag gestreift hatte. Zum Glück nur leicht, wie er mir mit etwas eingeschränkter Eloquenz, ganz klein aus seinen Kissen heraus berichtete. Hätte ich ihn doch nur auf Haneke aufmerksam gemacht, neulich. Er wäre vielleicht dem Schlag, der ihn in Paris aus heiterem Himmel streifte, durch kurze Zeitverzögerung entgangen.

    Heute also mache ich mich auf zu meiner Friseuse. Dort angekommen, freue ich mich zu sehen, dass meine kleine Verspätung von der Kundin vor mir komplett in Anspruch genommen wurde. Ihre große rotbraune Ledertasche, mit langem breitem Riemen an silbernen Ringen, und ein leichtes dunkles Westchen liegen auf dem Tisch. Sie selber ist nicht zu sehen. Soeben drücke ich der Frsieuse meine Dankbarkeit für den raschen Korrekturtermin aus, da tritt Maria Lassnig frisch frisiert und gefärbt aus dem Klo. Meine üblichen Manieren hätten mir natürlich zu nobler Zurückhaltung geraten, ich aber stürze mit einem Freudenschrei auf die arme alte Frau zu, drücke ihr meine Freude über die Begegnung aus und proklamiere sie, was stimmt, zu einer Ikone, die ich seit meinen Studienjahren in den Siebzigern bewundere.

    Sie kennen mich? fragte sie erstaunt. Aber natürlich, spreche ich, und dann die Geschichte mit seit der Studienzeit. Wie kommen Sie dazu? fragt sie mich ungläubig, mit ganz kleinen Knopfaugen hinter schmalen eckigen dunkelrandigen Brillen. Während ich ihre Frisur nur peripher wahrnehme (Pagenkopf, Stirnfransen, braun mit gelben Flecken), fällt mir ihre ganz glatte Haut auf. Ganz glatt wie ohne Poren, aber da und dort geknittert und leicht gelblich im Ton. Sie trägt ein schmal quergestreiftes T-Shirt, dunkelrot mit schwarz und senffarben vielleicht, auf weißem Grund. Eine mitteldunkle, grünliche Stoffhose, ein wenig hoch oben in der Taille, dadurch knöchelkurz. Ich denke: Trevira. Ich sage: Ich bin Kunsthistorikerin. Ach so! sagt sie. Normalerweise wissen die Kulturleute ja gar nichts, nicht wahr. Ja, gebe ich gleich zu. In England war jetzt viel in der Zeitung, sagt sie und zeigt mit den Händen zweidrittel einer Seite einer großformatigen Zeitung. Ja, sage ich. Ich freue mich, dass man Sie jetzt endlich kennt und dass die Preise steigen. Ja, sagt sie, glauben Sie? Natürlich, behaupte ich. Die Friseuse steht betreten schräg hinter mir, fremdschämend vermutlich. Sie ist im Herzen Punk geblieben. Ich aber kann mich kaum losreissen von Maria Lassnig, der Frau, die mit dem Tiger schläft. Sie ging dann geschwind ihrer Wege. Ich habe mich sogar zu einem Handschlag mit ihr gedrängt. Der Tiger war in mir. Ihre Hand ganz zart. Meine Frisur ist gut geworden.
    Geändert von Norma L. (02.06.2008 um 16:51 Uhr)

  2. #2
    Seniorita Avatar von elinor
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    Obwohl ich beschämt feststellen musste, dass mir Maria Lassnig bisher kein Begriff war, verkünde ich jedoch stolz, dass ich weiß, wer mit C.D. gemeint ist - bin ich doch schon lange Norma-L.-Verehrerin!
    Und keine Scheu bitte, verlorengegangene Geschichten wieder einzustellen, passiert ja sonst nichts hier.
    So, und jetzt geh ich das blau machen.

  3. #3
    Moderator
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    Norma L. schreibt die nobelsten Geschichten und sollte auch nur eine davon dem Forumscrash zum Opfer gefallen sein, so wäre es verdienstvoll, sie zu restaurieren. Bzw erneut hereinzustellen.
    Ich stelle mir vor, daß es zb für Jeremy ein leichtes wäre, oder zumindest ein nicht unmögliches, wenn er nur einmal in dem mit Hermelin ausgeschlagenen Ebenholzkästchen nachschaute, in welchem er gewiß die Geschichten von Norma L. einst aufbewahrt hat, um sie dem Armageddon zu entreißen.

  4. #4
    Restaurator Avatar von Jeremy
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    Ich schauma. Lohnt sich ja.

  5. #5
    Avatar von Die Wucht
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    Eine Dokumentation des BR über Maria Lassnig, die Frau, die mit dem Tiger schlief. Mir war die Künstlerin bis zu Norma L.s posting hier nicht bekannt. Lassnig ("die Klagenfurter Klosterschülerin", "die Kärtnerin", die "Ausnahmekünstlerin", "I war schon a schwirigs Madel") verstarb vergangenes Jahr im hohen Alter von 94. - Kann bei der Gelegenheit der C.D.-Strang gefunden werden, der recht mysteriös durch den Strang schimmert? Und kann sich bei der Gelegenheit Norma L. mal wieder hier melden? Wär schön, oder wie sagt man richtig (?) auf österreichisch - Küss die Hand, gnä Frau.
    "Mir läuft ein metaphysischer Schauer über den Rücken."

  6. #6
    Avatar von Die Wucht
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    Textet eigentlich einer von Euch für Dokumentationen den Off-Text? Weil, die Lassnig-Dokumentation, so gelungen sie mE ist, aber der Sprecher aus dem Off wird mit niemals gesprochenen Worten ausstaffiert. Schon allein das Präteritum, in das "die Bauerntochter" gepfercht wird muss doch nicht sein, es sei denn sowas ist Gott gegeben, dann will ich nichts gesagt haben.
    "Mir läuft ein metaphysischer Schauer über den Rücken."

  7. #7
    Seniorita Avatar von elinor
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    Hier kann man die mysteriöse C.D. finden.

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