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Thema: Lindenberg, Udo: klaut Werbegeschenke

  1. #1
    [Member]
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    Lindenberg, Udo: klaut Werbegeschenke

    Jaja, damals.
    1989, als die Welt noch relativ in Ordnung war und tiefere Veränderungen höchstens ab dem Jahrtausendwechsel erwartet wurden; damals war selbst der Frühling noch irgendwie erfrischender und früher als heute, zumindest in Hamburg, wo diese kleine Episode spielt.
    Ein Kumpel und ich waren auf dem Weg, Punkrocker zu werden, dachten dies jedenfalls.
    Zumindest aus diesem Grund trieb man sich in Hamburg-St.Pauli herum, insbesondere in der Bernhardt-Nocht-Strasse sowie dem subkulturell äusserst interessanten Dreieck zwischen Davidswache, Sternschanze und Altona.
    Ziel der Streifzüge war, soweit ich mich recht entsinne, zweifelsohne die Hoffnung, Zeuge musikhistorischer Momente zur werden oder gar Teil ihrer – stattdessen allerdings ohne es zu ahnen Staffage für die klischeehafte Erwartung Bild-Zeitung konsumierender Touristen zu werden („Da! Hafensträssler!“).
    An Tagen, wenn Stimmung und Selbstbewusstsein elitärer war, wagten wir es dann manchmal sogar, bei Andrew Eldritch am Hamburger Berg zu klingeln.
    Wenn wir dabei Glück hatten, summte der Türöffner zum Treppenhaus, und oben, an den Wohnungen in den letzten Etagen, öffnete uns der sonnenbebrillte Musiker. Ziemlich blas und völlig stooned.
    Meistens zog uns aber der Hafenklang magisch an, und wir landeten in den bestimmten und besonderen verwinkelten, schmuddeligen und stinkenden Strassen an der Elbe, die mindestens in jedem zweiten Hans-Albers-Film zu sehen sind – dort wohnten nämlich die „Zitronen“.
    Bei jenen „Goldenen Zitronen“ handelte es um eine deutschsprachige Punk-Kapelle unter der Leitung des grossen, verehrten Königs Rocko Schamoni.
    Die „Zitronen“ hielten sich meist Parterre auf und sahen rechtzeitig, wenn wir kamen.
    Rübe B., so hiess der Kumpel, verzichtete nämlich aufgrund meiner Anwesenheit auf Kopfhörer, nicht jedoch auf den passenden Sound der Expedition – um seinen Hals trug er stattdessen zwei portable Stereo-Würfel; also Boxen. Klar, dass das nicht geräuschlos von statten ging und zu einem gewissen Prozentsatz auch ziemlich peinlich war. Aber für Peinlichkeiten musste man schliesslich etwas tun, ausserdem wertete der grottenschlechte Klang der billigen Lautsprecher aus asiatischer Produktion die damit verstärkten hanseatischen Kompositionen auf.
    War das Equipment mal nicht dabei, oder die Zitronen hielten sich im strassenabseitigen Teil der Wohnung auf, hatten wir vielleicht Glück, und ein Mitglied der Band, überwiegend Schorsch Kamerun, öffnete die Tür („Okay – was wollt ihr?“).
    Zeuge der erhofften „bedeutenden Momente“ wurden wir hingegen nie – sieht man mal auf den peinlichen Vorfall mit Marc Almond an „Knopf´s Music Hall“ einmal ab – alles in allem also eigentlich nicht der Rede wert.

    Eines Tages jedenfalls wagten wir uns noch mehr zum Ufer der Elbe, weit hinter dem Fischmarkt. Dort irgendwo am Elbsandstrand, wo die Zuhälter ihren Hunde die Notdurft gewähren, Familien nicht die Chance einer sonntäglichen Ruhe und Senioren in Erinnerungen vergangener Tage schwelgten, gab es ein Café.
    Leicht erhöht vom Sandstrand, geschützt vor Brandung und Flut, war eine Terrasse angelegt, auf der einladende Gruppen von Tischen und Gestühl, individuell vor der Sonne geschützt durch bunte Stoffschirme, auf das dürstende und solvente Publikum warteten.
    Weiss der Teufel, wie wir da oben rauf gekommen sind.
    Das nächste, woran ich mich heute noch erinnere ist jedenfalls, dass wir vor just so einer Terrassensitzgruppe halt machten: „Ey, der Lindenpunk“.
    Udo Lindenberg, ähnlich dem King Rocko ein König seiner Anhänger, hing dort mit seinem Gefolge, ein Grüppchen alter Säcke (Otto Waalkes war übrigens nicht dabei), lässig ab bei Kaffee und Kuchen.
    Beim Lindenberg hat es den Vorteil, dass man sich einer Verwechslung eigentlich immer sicher sein konnte, es sei denn man begegnete einem seiner zahlreichen Doppelgänger. Aber selbst solchen kann leicht auf die Schliche gekommen werden; man muss nur genau genug hinsehen.

    Dann fragte Rübe B. den Lindenberg, ob er mal ´ne Mark hätte.
    Das war in diesem Fall aber schon in Ordnung.
    Denn wie bereits weiter oben erwähnt, befand man sich auf dem Weg, Punkrocker (oder sowas ähnliches) zu werden, wollte es sein, war es aber ganz und gar nicht.
    In sofern war „schnorren“ auch legitimes Mittel zum Zweck – der Weg war das Ziel.
    Der Lindenberg konterte schlagfertig („nee, bin pleite!“), bot aber scheinheilig die Signatur einer eigenen Fotoautogrammkarte an.
    Bereitswillig zückte ich einen Kugelschreiber, sogar ein besonders schönes Exemplar mit Aufdruck eines Lübecker Süsswarenherstellers, um diesen dem Mann mit Hut zu überreichen.
    Statt der versprochenen Fotokarte kritzelte der aber seinen Namenszug auf einen sparkigen Bierdeckel. Er wandte sich dann wieder dem Gespräch mit seinen Begleitern zu, warf mir den Pappdeckel zu. Und steckte sich meinen Kugelschreiber in seine Manteltasche - dreist, aber genau gesehen!
    Mein umgehend vorgebrachter Einwand über den befürchteten persönlichen Verlust („Meinen Stift bitte, Herr Lindenberg“) verwies der Künstler mit der Bemerkung, dieser wäre ja sowieso nur ein Werbegeschenk gewesen („keine Panik“), zur bitteren Ahnung, das Schreibwerkzeug in der Tat nie wiederzusehen.

    Völlig desillusioniert und ernüchtert von jugendkulturellen Idealen entfernte ich mich damals dann von dieser Terrasse, nicht ohne das breite Grinsen des Kumpanen bemerkt zu haben, den das Schicksal diesmal noch verschonte, der dass in diesem Augenblick aber wohl noch nicht voll ahnte und der sich in erster Linie über das Lindenberg-Autogramm auf dem Becks-Bierdeckel freute; ich jedenfalls hatte kein Interesse mehr an diesem fragwürdigen Dokument.

    Rückwirkend denke ich an diesen Tag als, möglicherweise, grossen Wendepunkt der eigenen Biografie.
    Tatsache ist jedenfalls, dass dies alles ein profaner Grund gewesen wäre, sich sinnlos zu besaufen, ich damals davon aber noch ganz und gar nichts verstand und Udo Lindeberg mir bis zum heutigen Tag einen schönen Kugelschreiber schuldet.

  2. #2
    Member Avatar von marie battisti
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    Vielleicht benebelt mich ja dieser Führerwein, den ich seit drei tagen trinke, aber das ist eine sehr komplizierte Bierdeckelgeschichte.
    Udo Lindenberg kann man doch einfacher haben. Da geht man in dieses Hotel in Hamburg, wo der wohnt. Herr Dahlamnn weiß, wo. Trinkt ein paar Gin Tonic und wartet. Er kommt bestimmt. Glatte grade Sache.

  3. #3

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    Einer Frau aus dem sogenannten mittleren Management des Atlantic habe ich dereinst meine Titanic-Jahrgänge '93 und '94 geliehen. Nach eigenem Bekunden war sie damals hauptverantwortlich für das Wohlbefinden von Lindenberg und Entourage. Die Hefte habe ich nie wiedergesehen. Zufall?

  4. #4
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    Die Sache mit dem Kuli ist ein dicker Hund.
    Wenderley

  5. #5

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    Später Lindenberg noch zweimal getroffen, sympathisch fand ich ihn nie. Genau wie im Fernseh, nur kleiner. Das mit dem Kuli ist genau seine Kragenweite.

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