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Thema: Schneider, Helge guckt Techno

  1. #1
    Member
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    Schneider, Helge guckt Techno

    Es ist Mittwoch und Sommer vor mehr oder weniger acht Jahren.
    In dem Geschäft, in dem ich arbeite, herrscht reges Treiben. Eben hat der hetzverschwitzte Mann von UPS die frischen Platten abgeladen, was großes Interesse bei der Kundschaft auslöst. Ich stehe hinter dem Tresen und Packe große Plattenpakete aus und gleiche die Lieferung mit den beigelegten Scheinen ab. Bald sind auf dem geräumigen Tresen mehrere Plattenstapel verteilt. Sie liegen da ohne System; sind nicht nach Stil, Preis, Herkunft, Format oder Farbe geordnet.
    Fast alle haben sich um den Ladentisch versammelt und wollen, dass das Vinyl verteilt wird. Sie sind gierig. Ihre Gier wird angeheizt durch den heißen Scheiß, der aus den Boxen dröhnt. Überhaupt ist die Stimmung gut. Die meisten kennen sich. Man legt Platten auf oder macht welche. Manche tun beides. Ich jedenfalls lege die neuen Dinger nacheinander, abwechselnd auf den rechten und den linken Plattenspieler am Tresen auf. Während jetzt der rechte läuft, nehme ich die Platte vom linken. Ich stecke sie in ihr Cover und gebe sie in eine hektisch lüsterne Hand. Statt die Scheiben nur anzuspielen, gehe ich dazu über sie zu mischen. Ich kenne die Platten genauso wenig wie die Freaks hier, aber zufällig gelingen mir drei oder vier gute Übergänge. Groove macht sich breit. Kopfnicken und Fußwippen. Es ist fast loungeig. Allein, die Getränke fehlen. Von meinem Standort kann ich den Laden samt Eingangsbereich gut überblicken. Die zappelnde Traube vor mir steht mir zugewandt und kann daher nicht sehen, dass die Tür aufgeht und Helge Schneider eintritt. Er sieht aus wie immer. Perücke, blauer Anzug, grelle Krawatte und klobige Schuhe. Er trägt einen Dreitagebart und wird begleitet von Einem, der im gleichen Stil wie Herr Schneider gekleidet ist. Wahrscheinlich ist es ein Mitglied seiner Band 'The Firefuckers'. Seine Begleitung hat echtes langes Bart- und Haupthaar. Besonders der Bart sieht sehr verstrubbkneult aus.
    Ich traue meinen Augen kaum und vergesse die neuen Scheiben und den Mix. Ich beobachte Herrn Schneider, wie er von den anderen unbemerkt quer durch den Laden schreitet. Die Hände stützt er in die Hüften und sein Oberkörper ist leicht nach hinten geneigt. Dadurch wirkt sein Gang wie ein militärischer Stechschritt; nur nicht so exakt, eher bedacht. Es wirkt auf mich, als ob seine Schuhe, jedes mal bevor sie auf dem Boden aufsetzen, kurz widerstreben und den Kontakt verweigern wollen. Ihr Besitzer duldet aber keinen Ungehorsam und unterwirft sie kontinuierlich seinem Willen. Die Meute vor mir bekommt davon nichts mit. Auch nicht, dass Herr Schneider sich ihr rücklings nähert. Er stellt sich auf die Zehenspitzen. Er versucht zu erkennen was bei mir los ist. In diesem Moment ist der Titel auf der Platte zu Ende. Die Musik ist aus und Herr Schneider ruft "Huch!" Viele Augenpaare drehen sich zeitgleich in seine Richtung. Alle scheinen der Art überrascht, dass niemand ein Wort hervorbringt. Nur er sagt, fast entschuldigend, "Ich wollte nur mal Techno gucken." Dann dreht er sich in Zeitlupe um und geht sehr langsam zur Tür. Seine langbärtige Begleitung, die während der ganzen Zeit dort still verharrte, öffnet diese und geht nach Helge Schneider aus dem Laden. Die Tür schließt selbsttätig.

    Am darauffolgenden Abend gibt Helge Schneider ein Konzert. Ich habe einen guten Platz und kann deutlich erkennen, dass er rasiert ist. 'The Firefuckers' sehen für mich irgendwie alle gleich aus, sodass ich vergeblich versuche Herrn Schneiders Begleitung vom Vortag auszumachen.

  2. #2
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    Fast hätte ich vergessen zu erwähnen, dass sich die Szene in Berlins Mitte am Hackmarkt zutrug.

  3. #3
    Member Avatar von zoegernitz
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    Heißer Scheiß, was Sie so alles erleben!
    Sie sind ein gnaz toller Hecht.

    Firefuckers war übrigens 1999.

  4. #4
    Weber Member Avatar von Herr Weber
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    Das war keine Perücke! Die Haare des Herrn sehen wirklich so aus, glauben Sie mir!

  5. #5
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    Vorne kürzer fänd' ich besser, hinten ist super.

  6. #6
    Sitzduscher Avatar von Frau Rossi
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    Ab in den Haarstrang mit Ihnen, Herr Weber!! Trägt Herr Schneider nicht eine Perücke, die seinem Echthaar in Färbung und Dichte komplett gleicht? Hab ich mal gehört. Das würde zu ihm passen.

  7. #7
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    Er trägt tatsächlich eine Perücke. Bei Harald Schmidt nahm er sie vor knapp unter einer Million Zuschauer ab.

  8. #8
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    Was chrislenz sagt. Hinten ist richtig fett. Sehr plastisch erzählt.

  9. #9
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    Vorne unerträglich und hinten mindestens zu 90% ausgedacht.

  10. #10
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    Nix Fixion! 100% echt.

  11. #11
    attention whore
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    Mir gefällt sehr gut, dass der Autor nicht am eigenen Supersein scheitert. Ich habe oft Probleme damit, wenn Menschenmassen sich spontan versammeln, um mein Wirken zu bestaunen und zu feiern. Manche zerbrechen daran.

    Die Paparazzierung hingegen sehr dufte.

  12. #12
    Moderator Avatar von honz
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    scheitert wiederum würdevoll ein

    dito. Sehr very, wie wir Engländer sagen.

    Mit ihrer Vermutung in den "Gesprächsfetzen", ich habe nicht alles von ihnen gelesen, liegen sie (ziegenp.) natürlich nicht ganz falsch, ich kann leider nicht alles überprüfen, was mir meine Mitarbeiter so zutragen, ich kümmere mich weniger um die Details, als um das grobe Ganze.

    So versuche ich gerade beim Chef eine Veränderung in der Überleitung zwischen zwei Beiträgen einer bescheidenen kleinen Fernsehsendung durchzusetzen, was mir nicht so richtig gelingen vermag. Die Abmoderation des einen Beitrags, ein Bericht über die Terroropfer von Madrid, endet im Moment mit den Worten "wieviele zu Tode gekommen sind, genaue Zahen wird man wohl erst in den nächsten Tagen wissen."

    Die Anmoderation des nächsten Beitrags, ein Bericht über Koma-Saufen mittels eines Alkoholzerstäubers beginnt mit den Worten "Sangria aus Eimern war gestern, Alko Pops-sind heute, aber was trinken die Partywütigen morgen?"

    Wie sie sehen, kann ich ihr Posting in den Gesprächsfetzen mühelos toppen, ich denke "Sangria aus Eimern" auf "Terror in Madrid" dürfte an Geschmacklosigkeit so ungefähr alles stechen, was heute bundesweit gesendet wird, und weil ich gerade auch nicht weiss, wohin ich mit dieser Erkenntnis soll, klebe ich sie an ihre wunderschöne Geschichte dran, am besten hat mir übrigens die Besachreibung des Ganges von Helge Schneider gefallen.

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