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Thema: Brendel, Alfred (Urlaub mit Alfred)

  1. #1
    Member Avatar von rapsak
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    Eine Freundin meiner Mutter ist die Schwiegermutter Alfred Brendels. Es muß Ende der Siebziger Jahren gewesen sein, als sie uns einlud, einen Tag in ihrem toskanischen Ferienhaus zu verbringen, mit stolzem Hinweis auf die Anwesenheit des Meisters, der schon damals ziemlich Furore unter Klassikfans machte und seinen Urlaub in dem Haus verbrachte. Ich war so um die 12 Jahre alt, die Sonne schien, ich wollte um das Haus herum tollen und kreischen. Doch das ging nicht, das war zu laut, der Meister musste üben, da sollte ich Rücksicht nehmen. Also setzte ich mich auf die Terrasse und lauschte den Gesprächen der Erwachsenen, in denen die stolze Schwiegermama beiläufig die Tourneedaten ihres Privatvirtuosen einfließen ließ. Aus dem Inneren des Hauses hörte man über Stunden die selben Tonleitern als Lockerungsübungen.
    Dann gab es Mittagessen, und tatsächlich: der bleichgesichtige Meister beehrte uns mit seiner Anwesenheit. Bei der Auswahl seiner Brille hat er sich schon damals vom Chefoptiker des ZK der KPDSU beraten lassen, dazu trug er trotz der Hitze eine graue, schlabberige Stickjacke. Während des Essens blieb der Maestro schweigsam und introvertiert, wie man das von so jemandem nicht anders erwartet haette. Er ließ andere über sich reden, vornehmlich seine Schwiegermutter. Nach dem Essen nahm er die Brille ab, drehte sich in die Sonne und ruhte fünf Minuten. Dann stand er auf, räkelte sich und sagte etwas wie: ³Herrlich, so ein Urlaub in Italien!' Darauf setzte er die Brille wieder auf, verabschiedete sich artig und verkroch sich zurück in seine Klavierhöhle. Die Gastgeberin erklärte uns, man werde ihn nun bis zum Abendessen nicht mehr sehen, nur hören. Aus der Ferne genossen wir nun 200 mal die ersten zwölf Takte einer Schubertsonate und beschlossen zu gehen.
    An diesem Tag nahm ich mir fest vor, NIEMALS Klaviervirtuose zu werden.

  2. #2
    Moderater Avatar von Murmel
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    Das wird man noch besser verstehen, wenn man sich dieses Bild von ihm ansieht.
    http://www.geocities.com/Vienna/2192/biograph.html
    Interessant auch: Der Virtuose kommt aus Wiesenberg. Besteht da eine entfernte Verwandtschaft zu Herrn Wesenberg?
    (Beitrag wurde von Murmel Clausen am 25.09.2001 um 11:09 Uhr bearbeitet.)

  3. #3
    Abebe Lowumbo Avatar von joq
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    Wunderbare Geschichte, wunderbares Bild.
    Der Mann auf dem Bild hat die Orientierungslosigkeit eines Hellmuth Karasek, gepaart mit dem intelektuellen Witz eines Woody Allen.

  4. #4
    Remember
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    Jo, schöne Geschichte. Brendel bekundete im Interview einst, dass er seinen Beruf gerne ausübt. Womit er im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen steht. Rachmaninoff fragte einst einen ambitionierten Jüngling, der ihm beim Klavierspielen bewunderte, ob er Pianist werden wollte. Als dieser es bejahte erwiderte Rachmaninoff kurz und knapp: 'Tun sie es nicht, ist ein Scheißberuf.'

  5. #5
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    Find ich gut, dass er die Brille abnimmt, um Urlaub in Italien zu machen

  6. #6
    Metamember Avatar von Cat woman
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    Ich habe vor langer Zeit mal A.B. im Fernsehen beobachtet, wie er arg sehr virtuos Impromtus und Momentes Musicaux von Schubert spielte. Beim Blick auf des Meisters flinke Finger erschrak ich: die Fingerkuppen schienen ja völlig zerspielt, resp. zerfetzt. Was für ein Tier, dachte ich. Bei einer Kameraeinstellung, die seine Hände in Großaufnahme zeigte, sah ich dann, daß der Meister sich seine Fingerspitzen mit Pflaster umwickelt hatte, und das seit ca. 3 Wochen, so angeschmuddelt, wie die schon aussahen. Das passt völlig zu dem Bild, was rapsak so schön gezeichnet hat!

  7. #7
    Hobel Avatar von Ignaz Wrobel
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    Ich hab mal eine Alfred Brendel-Platte sehr geliebt, Mozart in Moll, sehr langsam gespielt (sag ich mal so ganz subjektiv), die hab ich gehört, bis das Knistern irgendwann lauter wurde als Brendel.

  8. #8
    Moderator Avatar von honz
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    Jemand sagte mir mal, kaufe bei Brendel nie Karten in den vorderen Reihen, was ich aber dennpoch tat, als der Meister im Paulussaal in Freiburg Schubert gab.
    Hinterher wusste ich endlich warum: Brendel stöhnt und miaut beim spielen, über die schönsten Passagen legt sich andauernd ein oaahaaaaahhuuuuaaaaooaoaoa miauuuuuuuiiaaa oaaaaauuuuuoooooaaa, es ist uneträglich, am Anfang fast sogar gespenstisch, weil man das Grauen nicht orten an, man schaut sich um und wirft verstohlene Blicke auf die Sitznachbarn mit der Hoffnung jemanden gleich erschlagen zu können, bis man merkt, es ist Brendel selbst.
    Seitdem weiß ich auch warum bei so vielen meiner Brendelplatten früher Digitaly Remastered draufstand.

  9. #9
    Moderator Avatar von honz
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    OK. Die Pointe war schwach

  10. #10
    Moderator
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    Aber seine Einspielungen der Beethovenklaviersonaten sind nicht schwach.
    Glenn Gould singt bestimmt noch viel ärger mit. Immerhin, es ist auch Zeit geworden, hat denn sonst keiner einen der bedeutenden Interpreten paparazzt? Zum Beispiel Michelangeli? Sprecht euch aus, Leute.

  11. #11
    Moderator Avatar von honz
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    ANGELIKA !Jetzt fällts mir wieder ein!! MANN!!!! Ich habe mal Menuhin paparazzt ohne es zu wissen ich war zehn!!!! Geschichte folgt stande pedes.

  12. #12
    Moderator Avatar von honz
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    Nein, ich war 14.
    Geändert von honz (15.06.2002 um 11:58 Uhr)

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