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Thema: Christo von Christo & Jeanne-Claude

  1. #1
    Moderater Avatar von Murmel
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    Mein Gegenüber legte seine Serviette über sein Glas, um mir zu erklären, wer gerade hinter meinem Rücken das Lokal betreten hatte. Es war mir zwar möglich gewesen, einen kurzen Blick über meine Schulter zu werfen und einen älteren Mann mit grauem, wirrem Haar, Brille und einer beigen Jacke zu erspähen, doch dauerte die Zuordnung dieser Attribute zu einem prominenten Menschen in meinem Kopf etwas länger, da in ihm gleichzeitig Essen zermahlen und für die Verdauung vorbereitet wurde.
    Mein Gegenüber legte also seine Serviette über sein Glas, als mir klar wurde, dass der alte Mann mit grauem Haar, Brille und einer beigen Jacke Christo von Christo & Jeanne-Claude war. Ein Raunen ging nicht durch den Saal, mehr ein kurzes Entsetzen, das von den Männern kam, die die Aufmerksamkeit an ihrem Tisch auf sich ziehen wollten, doch nun, verzeiht, einpacken konnten.
    Mein Gegenüber erklärte, dass er diesen Christo von Christo & Jeanne-Claude auch schon mit der von 'Hier drüber' gesehen habe. Den sähe man in letzter Zeit oft hier. So war ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt darüber berichten sollte.
    Mein Blick erfasste den Verpackungskünstler noch einmal. Er hatte sich mit ungefähr 8 Menschen an einen Tisch gesetzt und genoss deren Aufmerksamkeit. Ich fragte mich, warum er nicht mit einer Papiertüte über dem Kopf herumläuft und welche Parallelen zwischen seiner Kunst und der Inquisition im Forum bestehen.
    Doch mein Gegenüber war interessanter. Ich ließ Christo Christo sein und tat wieder so, als sei ich Murmel Clausen. Mein Gegenüber gab sich weiterhin als Hausmeister aus und über uns schrieb vermutlich ein Mensch mit dem Decknamen lacoste etwas mit vielen Buchstaben.
    (Beitrag wurde von Murmel Clausen am 08.09.2001 um 10:36 Uhr bearbeitet.)

  2. #2
    Avatar von Bartholmy
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    '...mit der von 'Hier drüber' gesehen habe...'
    Murmel, was willst du uns sagen?
    Warum Christo keine Papiertüte über dem Kopf trägt, kann ich aufklären:
    Eine Papiertüte über dem Kopf zu tragen ist das Markenzeichen von Charlie Brown, der gesetzlich geschützten Figur des kürzlich verstorbenen Charles M. Schulz. Würde Christo eine Tüte über dem Kopf tragen, führte dies nicht nur zu Rechtsstreitigkeiten, es wäre auch eine ungute Vermischung von Großbild und Kleinbild. Das hier aber nicht gemischt werden sollte, zeigt das Beispiel Dick Browne. Der entwarf zwar unter anderem die 'Campbell Soup Kids', berühmt wurde suppenhalber aber Andy Warhol (Großbild), während Dick Browne dann seinen Erfolg in ihm gemäßer Manier nachholte, mit dem Strip Hägar (Kleinbild). Q.e.d.

  3. #3
    Moderater Avatar von Murmel
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    Das war ein Hinweis auf den Ort des Geschehens. Sie taucht im letzten Satz nochmal auf, arbeitet über dem Restaurant, in dem ich Christo sah und nennt sich lacoste. Zu verworren?

  4. #4
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    Sie schrieb das Wetter über dem Bulgaren, dem Bayern, und dem Steirer

  5. #5
    Avatar von Bartholmy
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    Nach nochmaliger Lektüre: Ja, zu verworren.

  6. #6
    Embedded Senator Avatar von DerCaptain
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    War schon jemand im Gropius-Bau, lohnt die Ausstellung?
    ------------------
    'd'oh!'

  7. #7
    Avatar von ragnar
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    Lieber Herr Clausen,
    normalerweise stehe ich Ihnen ja uneingeschränkt zur Seite, aber diese Geschichte hätte auch ich, ohne Ihre erklärenden Worte, wirklich nicht verstanden.
    Ein wenig direkter wäre schön gewesen; obwohl ich Sie durchaus beneide, den von mir hoch geschätzen Christo, einmal leibhaftig gesehen zu haben.

  8. #8

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    Ich habe ihn im Fernsehen gesehn, eigentlich kein großes Aura, aber Jeannne-Claude. Christo sollte in Bandageklamotte von Gautier rumlaufen, wie Mila Jovovic im Fifth Element, geiles Shirt, hätte ich gerne. Da Christo im Cafe zu einem Treffen kam, naj. Ich kenne jemand, der Björk am Gejserrand mit sich selbstreden gesehen hat.

  9. #9
    Moderator Avatar von Ruebenkraut
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    Mir gefällt die Geschichte und direkter wäre sie schwächer. So muss man halt ein bisschen nachdenken über den Ort des Geschehens, aber wer weiß, worüber lacoste (örtlich) wohl schreibt, der kennt die Lokalität. Und wers nicht weiß, für den isses ja auch wurscht.

  10. #10
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    ich finde die Geschichte auch gut in Geheimnis eingepackt. Und das gehört sich doch wohl so, angesichts der der darin eingewickelten Hauptperson.
    Der Murmel, wen der alles trifft!
    ------------------------------
    Bücherforum-da können Sie auspacken.

  11. #11
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    Ich finde am schönsten, dass Herr Murmel offenbar seine Chauvi-Lektion im Bücherforum gelernt hat und nun die Gattin des Herrn Christo nicht nur nicht unerwähnt lässt, sondern diese sogar als eindeutiges Identifikationsmerkmal heraussstellt. Weiter so, Murmel, Sie sind auf dem richtigen Weg.

  12. #12
    Moderator Avatar von Klede
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    Christo und Jeanne-Claude habe ich das erste Mal 1995 gesehen, in Berlin, direkt neben dem von ihnen verhuellten Reichstag. Einige moegen sich noch daran erinnern: der Reichstag war ein paar Wochen oder Tage in einer silbrig schimmernden Huelle eingepackt, und die Menschen reisten in grossen Scharen an, um sich das anzusehen. Sie liefen um den Reichstag, fotografierten ihn von allen Seiten, rauchten Marihuana, tranken Bier, waren super drauf, spielten Bongos und afrikanische Trommeln, tanzten barfuessig auf der grossen Gruenflaeche vor dem Reichstag, ein ziemlich widerliches Spektakel. Ausgerechnet an dem Tag, an dem ich mir das alles ansah, erschienen auch Christo und Jeanne-Claude, wobei es auch gut sein kann, dass das oefter vorkam, ich weiss es nicht. Sofort setzten Sprechchoere ein, alle jubelten dem Kuenstlerpaar zu, das Paar winkte zurueck und freute sich und verschwand wieder.

    Kurz nach diesem Auftritt sah ich uebrigens Karl Lagerfeld: Eine Viertelstunde nachdem Christo und Jeanne-Claude verschwunden waren, hielt auf einmal eine lange schwarze Limousine vor dem Reichstag. Bevor ich anfangen konnte, zu ueberlegen, wer in der Limousine sitzt und was fuer Sondergenehmigungen man wohl braucht, um direkt vor den Reichstag zu fahren, ging sowohl die Fahrer- als auch die Beifahrertuer auf und zwei riesige Neger in Anzuegen stiegen aus. Der Fahrer ging ans Ende der Limousine und oeffnete den Kofferraum, der andere stellte sich an die hintere Tuer des Wagens und oeffnete auch diese. Nun ging alles sehr schnell: Karl Lagerfeld, den man ja leicht erkennen kann, stieg aus, ging zum Kofferraum, holte von dort eine kleine Leica und fotografierte blitzschnell den verhuellten Reichstag. Er drueckte ein paar Mal auf den Ausloeser, bewegte sich aber nicht von der Stelle, drehte auch nicht an den Einstellungen der Kamera. Dann reichte er die Kamera dem Fahrer, ohne diesen dabei anzusehen und stieg wieder ins Auto. Der Fahrer verstaute die Kamera wieder im Kofferraum, waehrend der andere Negerbodyguard hinter Lagerfeld die Tuer schloss. Dann stiegen die beiden Negerbodyguards gleichzeitig ins Auto und fuhren davon. Das Ganze dauerte keine drei Minuten.

    Christo und Jeanne-Claude sah ich sieben Jahre spaeter noch einmal. In der Universitaetsgalerie wurden Drucke und Entwuerfe der beiden ausgestellt, sie selbst waren eingeladen, die Ausstellung mit einem Vortrag zu eroeffnen. Mein Freund Ben wurde dazu ausgewaehlt, den technischen Teil der Eroeffnung zu betreuen. Das heisst, er sollte dafuer sorgen, dass Christo und Jeanne Claude mit Mikrofonen und einem Diaprojektor ausgestattet werden. Mikrofone waren deshalb notwendig, weil die Eroeffnung in einem grossen Auditorium stattfand. Nun ist Ben komplett ahnungslos, was Technik angeht, ich habe ihn noch nie mit einer Kamera oder einem Mikrofon gesehen, mir war es also ein Raetsel, wie er diesen Job bekommen hatte. Ich nehme mal an, er brauchte Geld und log den Veranstaltern der Eroeffnung was vor.

    Eine Stunde vor Beginn des Vortrags sah ich Ben noch auf dem Campusgelaende rumlaufen. Wir unterhielten uns kurz, bis er meinte: "Na, ich will dann mal los gehen." Ob er denn noch nicht angefangen haette, fragte ich. "Nein, wieso, sollte doch alles ganz einfach sein. Mikro einstoepseln, los geht’s." Und die Anschluesse am Auditorium hatte er sich auch noch nicht angeguckt? "Ach was, jetzt hoer mal auf, das ist doch Kinderkacke."

    Als ich dann im Auditorium eintraf, zehn Minuten vor Vortragsbeginn, war der Saal schon beinahe gefuellt. Der Unipraesident mit seiner Gattin war da, ausserdem allerlei wichtige Geldgeber, die immer zu solchen Veranstaltungen eingeladen wurden. Da sah ich Ben mit hochrotem Kopf auf mich zulaufen. Er sagte nicht einmal hallo, fragte einfach nur, ob ich mir den Mixer auf der Buehne angucken koennte. Er koenne keinen "Scheisston" aus dem "alten Fickgeraet" rausholen, er habe aber gerade keine Zeit, weil der Diaprojektor "nicht anginge". Dann lief er weiter, zum hinteren Ende des Saales, wo Christo und Jeanne Claude sich den Diaprojektor ansahen. Als er bei den beiden ankam, hob er das Geraet und drehte es um, wobei die Haelfte der wahrscheinlich ordentlich aufgereihten Dias rauspurzelten. Jeanne-Claude schlug sich die Hand an die Stirn, Christo verdrehte die Augen, Ben wurde wahrscheinlich noch roeter, ich konnte das nicht aber nicht sehen, er kniete naemlich schon auf dem Boden und sammelte Dias ein. Also sah ich mir erstmal den Mixer auf der Buehne an, der vollkommen richtig angeschlossen war. Keine Ahnung, warum die Mikros nicht funktionierten, aber das war auch nicht mein Job, also liess ich das Geraet stehen und suchte mir einen Sitzplatz, von dem ich dann den Vortrag verfolgen konnte, den man schnell zusammenfassen kann:

    Christo und Jeanne-Claude zeigten ihre (dann doch wieder rechtzeitig eingeordneten) Dias, erzaehlten dazu Anekdoten, machten ein paar Witzchen und erwaehnten jede Minute, dass sie sich nur durch den Verkauf von Drucken und Zeichnungen finanzieren und jegliches Sponsoring ablehnen wuerden. Das waere alles eher langweilig gewesen, waere ihr Vortrag nicht andauernd von lautem Boxenknacken und –rauschen unterbrochen worden. Ben versuchte naemlich nach wie vor, die Mikros der beiden an die Verstaerkeranlage des Auditoriums anzuschliessen. Ich sah ihn jedesmal an einer anderen Stelle, irgendwelche Kabelverbindungen auseinanderziehend oder ineinandersteckend, alles vergeblich. Jedes mal, wenn es knackte oder rauschte, unterbrach Jeanne-Claude den Vortrag, hob ihr nutzloses Mikro an den Mund und fragte hoffnungsvoll "Ah, geht es jetzt endlich?", was aber immer wieder verneint wurde. Mindestens fuenf oder sechs Mal stellte sie diese Frage, waehrend ihr Mann, Christo, zusehends heiserer wurde, schliesslich musste er sehr laut reden, damit ihn auch jeder im vollbesetzten Auditorium hoeren konnte. Der Arme trank ein Glas Wasser nach dem anderen, aber es half nichts, er verstummte zusehends.

    Ben ist allerdings ein zaeher Hund und wollte sich nicht so schnell geschlagen geben. Nach einer halben Stunde vergeblichen Kabelsteckens verschwand er um kurz darauf mit einem grossen Peavey Verstaerker in den Armen auf die Buehne zuzulaufen. Den Verstaerker platzierte er direkt neben Christo und Jeanne-Claude, die ihn verwundert anschauten, aber ihren Vortrag nicht unterbrachen. Ihre toten Mikros hatten sie mittlerweile schon beiseite gelegt. Ben stoepselte als naechstes ein anderes Mikro in den grossen Verstaerker, und bevor ich mich fragen konnte, ob er wohl die Lautstaerke heruntergedreht haette, schliesslich hielt er das Mikro direkt vor die Lautsprecherbox, schaltete Ben den Verstaerker ein. Ein trommelfellzerfetzendes Fiepen schoss durch den Raum, in den ersten drei Reihen sprangen Leute vor Schreck hoch, rissen sich die Haende ueber die Ohren, signalisierten panisch, dass Ben diese Teufelsmaschine ausmachen sollte, bevor es zu spaet sei.

    Eine Stunde nach dieser Blamage fragte mich Ben allen Ernstes, ob er wohl einen kleinen Rabatt einraeumen sollte, er habe ja schliesslich "nicht so tolle Arbeit" geleistet. Das fand ich so ruehrend, dass ich ihm sagte, er solle doch einfach den vollen Preis berechnen, die wuerden ihm schliesslich schon sagen, wenn sie nicht alles bezahlen wollten. Das leuchtete ihm ein, er setzte sich hin und schrieb eine Rechnung, die er auch gleich in den Briefkasten steckte. Danach gingen wir einen trinken. In den naechsten Tagen gab es dann noch einigen Aerger fuer Ben, da sowohl der Unipraesident als auch seine Frau und der Galerieleiter sich ueber Ben beschwert hatten. Vor allem der Galerieleiter fuehlte sich "persoenlich beleidigt", dass Ben die Unverfrorenheit besessen haette, nach seinem desastroesen Auftritt auch noch eine Rechnung zu schicken.

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