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Thema: Brook, Peter (und Petersburg)

  1. #1
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    Damals, als ich das Theater noch liebte, bin ich einmal nach Petersburg gereist. Nicht etwa des Theaters wegen, oder der weißen Nächte (die nicht weiß, eher blond sind ö weich und hell und ein bischen gefährlich), sondern ich bin gereist, weil ich die Reise eben geschenkt bekam. Von meinen Großeltern. Genauer, von meinem Großvater. Meine Großmutter ist leider geizig.
    Ich machte mich also in Begleitung einer jungen, slavophilen Schauspielerin auf den Weg in die Zarenstadt. Die Schauspielerin schrie nachts, im Traum. Vielleicht tut sie das heute noch, ich weiß es nicht. Dieses nächtliche Schreien ist sehr unangenehm. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Wir haben nicht im selben Bett genächtigt, die Schauspielerin und ich, wohl aber im selben Zimmer. Und plötzlich sitzt sie im Bett und schreit. Aus Leibeskräften. Ich war sehr erschrocken. Aber während sie sich dank meines Zuspruchs rasch beruhigte, lag ich noch lange mit klopfendem Herzen wach. Sie ist übrigens nicht blond, die Schauspielerin. Ich bin blond, meistens.
    Wir haben dann die letzte Seite unseres schmalen Reiseführers aufgeschlagen und Punkt für Punkt alles abgehakt, was da unter der Überschrift ³Seien Sie bitte vorsichtig bei:ã versammelt war. Wir waren jung. Und wir waren reich, wenigstens hier. Wir sind mit der Metro tief in den gefrorenen Sumpf der Stadt gefahren. Wir sind nacht-tags in illegale Jazz-Clubs gegangen. Haben Marmeladengläser voll schwarz-perligem Kaviar in Hauseingängen gekauft und alle Ikonen in allen Gotteshäusern der Stadt besucht. Wir sind bis an den Stadtrand gefahren und haben einen ganzen Nachmittag auf dem Dach eines Studentenwohnheims verbracht und Kaviar gelöffelt. Wir wären auch länger geblieben, wollten uns aber ungern erkälten in dem kalten Wasser, das auf dem Dach, im Fahrstuhlschacht und auf den Gängen des Wohnheims stand. Im vergangenen Sommer hatten die Studenten das Dach mit dem Feuerwehrschlauch geflutet und so lange in dem Wasser gebadet, bis es angefangen hatte, zu stinken. Jetzt stank es gar nicht mehr. Aber es war immer noch da.
    Wir haben nicht geschlafen in diesen blonden Nächten. Sie hat geträumt und ich war in Trance. Und einmal sind wir, natürlich, ins Theater gegangen. Nicht ins Ballett, extra nicht. Wir gingen also ins Mali-Drama Theater. Es lief die Derniere zu ³Lord of the Fliesã. Im Foyer wimmelte es von Menschen. Die Schauspielerin entwickelte aus dem Stand einen unverschämten Charme und ergatterte zwei Karten für die völlig ausverkaufte Vorstellung. Ganz ohne Bestechung. Wir saßen fünfte oder sechste Reihe Mitte. Rechts und links neben den Stuhlreihen standen alle Künstler, Intellektuellen und Vergnügungssüchtigen der Stadt. Nur in der Reihe vor uns waren noch Plätze frei. Zwei. Der letzte leere Raum in diesem Theater. Ich war sehr aufgeregt. Alles redete durcheinander, es war laut und ein Feuer hätte uns alle erledigt, denn an Flucht war in dem zugepackten Saal nicht zu denken. Und kein Schlauch oder Feuerlöscher nirgendwo.
    Dann kam Bewegung in die Stehenden und die Menschen in der Reihe vor uns erhoben sich einer nach dem anderen sitzklappender Weise von ihren Plätzen. Durch dieses Halb-Spalier ging Peter Brook. Lächelnd. Sich mit einem gütigen Kopfnicken bei jedem Aufgestandenen einzeln bedankend. In Begleitung einer verschattet wirkenden Frau. Verschattet, weil diese Grinsekatze von Regisseur wahrscheinlich die meisten Begleitungen einfach überstrahlt. Als der Meister bei seinem Platz, also vor uns, angekommen war, hat er mir direkt ins Gesicht gegrinst. Also bin ich auch aufgesprungen, obwohl ich ja gar nicht in seiner Reihe saß. Was ich aber erst bemerkte, als er sich setzte und ich immer noch stand.
    Ich kann mich leider nicht an ein Gespräch mit Peter Brook erinnern, die Begegnung mit ihm war für mich zu traumatisch. Die Vorstellung jedenfalls war großartig, die Schauspieler waren großartig, das Publikum war großartig.
    Eine Woche später sind wir nach Köln/Bonn zurückgeflogen. Die Schauspielerin ist übrigens sehr begabt, aber nach wie vor weitestgehend unbekannt. Peter Brook ist in Theaterkreisen nach wie vor sehr bekannt. Ich habe das Theater weitestgehend aufgegeben.


  2. #2
    Moderator Avatar von honz
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    sehr schön, sehr schön, mal eine Geschichte ohne Pointe, gut tut das, nüchtern aber nicht teilnahmslos, eine einfache Reportage mit Herz und Kaviar an unwirtlichen Plätzen.

  3. #3
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    Ich wart erstmal die Rezensionen ab.
    was aber, wenn jetzt alle immer erst die Rezensionen lesen?

  4. #4
    Moderator Avatar von honz
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    Für tex: keine Zusammenfassung, musst du selber lesen, so wie Budapest vor 13 Jahren und jetzt Odessa, lohnt sich.

  5. #5
    Moderator Avatar von honz
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    hey tex du arsch, das war Gedankenübertragung

  6. #6
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    honzelbert ist mir zuvor gekommen, ich les sie aber trotzdem erst morgen

  7. #7
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    Du schwein, musst Du nicht arbeiten?

  8. #8
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    oder sitzt Du wieder im Internetcafe hinter mir?

  9. #9
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    Was muss denn jetzt der arme Tornatzky denken?

  10. #10
    Moderator Avatar von honz
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    ich glub der kann das ab. ist ja slavophil

  11. #11
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    ok, ich leses jetzte

  12. #12
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    Schön, athmosphärisch, melancholisch, unaufgeregt, fixen wir diesen Mann an, chucken wir ihn an!
    Andrea, Du bist doch petersburgophil, sag was!

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