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Thema: Grass, Günter (Ich und Günter Grass)

  1. #1
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    Keine Ahnung, wie es dazu kam, aber es war so, man hatte mich eingeladen zum Geburtstagsempfang für Günter Grass. Zweiundsiebzig sollte er werden, der Nobelpreisträger, der kaschubische Grimmelshausen, bärbeißiger Schnauzbart, barocker Kraftmeier, Gewissen der Nation, Glaszersinger, Kuttelkocher, Pornograph, ach nein, das gehört ja nur in literaturkritische Zusammenhänge, komisch eigentlich. Wie auch immer, ich suchte mir aus dem Schrank extra mein schickes grünes Hemd raus, das ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr getragen hatte, und radelte los. Eine schlechte Wahl, wie mir dort bewußt wurde, weil mir, der ich da so fröhlich in den Menschenmassen stand und versuchte, ein Glas Sekt zu erwischen, nach fünf Minuten jene unangenehmen Schweißflecken unter den Achseln ins Gesicht stachen. Deshalb hing es ja schon so lange im Schrank, fiel mir jetzt wieder ein, weil dieser Stoff bemerkenswerte hygroskopische Eigenschaften besitzt. Es ist ihm möglich, sämtliche Luftfeuchtigkeit aus den umliegenden 2000 m3 anzuziehen und auf bestimmten neuralgischen Punkten des Hemdes zu konzentrieren, wobei der Stoff eine komplizierte pigmentische Reaktion mit dem Wasser eingeht, die zu tiefschwarzen, feuchtglänzenden Flecken führt. Noch war Zeit, die Toiletten zu suchen, mich in eine Klokabine einzuschließen, alle Oberbekleidung von mir zu reißen und durch langes Wedeln des Hemdes in der Luft die Feuchtigkeit zum Verdunsten zu bringen. Vielleicht hätte man auch einen günstigen Moment abpassen, die Tür mit einem Papierkorb oder ähnlichem verrammeln, und das Hemd unter dem Heißlufthandtrockner trocken föhnen können. Solche Maßnahmen sind jedoch nur angebracht, wenn man auf den Punkt fertig sein kann, wenn ich genau gewußt hätte, um dreizehn Uhr siebzehn werde ich dem Autor von einem entfernt bekannten und gerade erst wiedergetroffenen Schulfreund, der jetzt bei dessen Verlag arbeitet, vorgestellt, dann hätte ich mich zurechtmachen können, aber so. Wir waren zwar zu dreizehn Uhr bestellt, aber würde er auch pünktlich kommen? Und außerdem, ich mußte sowieso zurück in die Menge mit ihren Ausdünstungen, die innerhalb von fünf Minuten wieder von meinem Hemd aufgesogen worden wären. Ich mußte also ausharren und einige autogene Übungen machen, um nicht in zusätzlichen Angstschweiß wegen möglicher Konsequenzen der Schweißflecken auszubrechen, der sich noch unangenehmer als zusätzliche Flecken abgezeichnet hätte.
    Statt dessen also Aufmerksamkeit für die Jazzband, die sich dort vorne betätigte. Der Klavierspieler mußte sich mit einem Synthesizer begnügen, wahrscheinlich sorgten seine Chips auch für die rhythmische Untermalung, denn den Schlagzeuger konnte ich nicht finden. Meine Sicht war natürlich auch sehr schlecht, überall diese Leute um mich herum. Und es konnte ja auch sein, daß man es mit einem Fetischisten zu tun hatte, der sich nur auf das Besenwischen einer Snare oder dem nervösen Betasten und Treten einer Hi-Hat kaprizierte und den Rest einer Drumbox überließ. Auszumachen war jedenfalls nur eine Ecke des Synthesizers und die riesigen Mechaniken eines Kontrabasses, dieser gebäckartige Kringel, der aus den Köpfen im Raum herausragte und dieses gleichzeitige Ploppen und Schnarren, das sich im Unterbewußtsein verkrochen hatte, eindeutig klassifizier- und wahrnehmbar machte. Alles war also so, wie es sich gehört, bißchen Swing, bißchen Sekt, gängige Zutaten für öffentliches Ambiente. Die F.D.P. begeht ja immer den Fehler, an ihren Wahlkampfständen Leute Skiffle oder sowas ³jatzenã zu lassen, da ist es kein Wunder, daß sie Mühe haben, über fünf Prozent zu kommen. Hier wußte man es besser. Sekt und Swing in struktureller Äquivalenz, es muß prickeln, aber leicht zu schlucken sein, außerdem soll es beschwingt machen, denn Wirkung soll schon da sein, nur nicht so lange anhalten, kurzer Kick und dann wieder weg. Wäre bloß schön, wenn sie auch noch ein paar Schnittchen hätte, dachte ich mir noch.
    Überlebensgroß im Raum unser Geburtstagkind. Nein, noch nicht eingetroffen, aber ein Photo von ihm hing riesig vergrößert im Raum und wies mit dezenten Buchstaben auf den Nobelpreis hin. Weil immer noch Zeit war und in der angespannten, wartenden Atmosphäre der Gesellschaft sich auch keine Gespräche am Rande einstellen wollten, blieb nichts anderes übrig, als sich mit diesem Konterfei zu beschäftigen. War nicht sicher, ob man dem Geehrten damit einen Gefallen tat, denn in diesen Dimensionen und gegenüber dieser Rezeptionshaltung wurde das Gesicht allmählich zur Karikatur, die Oberlider begannen, sich ganz bedrohlich nach unten zu schwingen und sich mit dem großen Bogen des Schnauzbartes in der Mitte des Gesichts zu treffen, der im Maßstab 100:1 zu einem Reisigbesen mutiert war. Die beiden Knopfpupillen mußten trotz ihrer Schwärze in den Hintergrund treten und sich den Oberlidern geschlagen geben. Über diese Beziehungsebene legte sich dann eine weitere, die aus einer gewöhnlichen Nase und zwei sich enorm nach oben wölbenden Augenbrauenschnauzbärten bestand, nicht ganz so geschwungen, sondern in der Mitte gefalzt. Nein, eine solche Karikatur war er nicht, Autoren sind ja viel mehr ihre Bücher, also geistige Vorstellung, deshalb hatte ich ja zur Vorsicht ein Buch, Die Vorzüge der Windhühner, mitgebracht, nur so zur Sicherheit, ich wußte ja, daß es ein Geburtstagsempfang war und hätte das ja auch unpassend gefunden, aber falls dann doch die anderen alle, dann hätte ich ja auch gewollt, und dann hätte ich auch ein richtiges Buch mit und müßte nicht so peinliche Papierstücke wie Servierten oder eine Fahrkarte aus dem Portemonnaie oder so nehmen. Aber, wie gesagt, es war ja ein Empfang und wir waren geladene Gäste und hatten so etwas nicht nötig. Und so hatte ich das Buch gut versteckt unter der Jacke, die ich über dem Arm trug.
    Meine Unterschrift besaß ich im Übrigen schon. Und die verband mich unwiderruflich mit Grass. Denn ich war zu ihr gekommen wie die Jungfrau zum Kind. War unbefleckt geblieben und hatte mich nicht zu der peinlichen Übung herablassen müssen, mich in einer Schlange nach einer Lesung anzustellen. Nein, mir erschien sie wie Nebukadnezar als Schrift an der Wand gewissermaßen, natürlich mit besserem Inhalt, als Fingerzeig sozusagen, der mich auf meine Zukunft hinwies. Um hier abzukürzen: Als Sechzehnjähriger wünschte ich mir von meinen Eltern neben anderen nützlichen Dingen auch den Roman Hundejahre von Günter Grass. Wenn man später in Literaturwissenschaft promovieren wird, macht man solche Sachen als Sechzehnjähriger. Und wie ich dann das etwas schmuddelige Taschenbuch aus dem Luchterhand Verlag unter Weihnachtsbaum aufschlug, da fand ich, daß jemand auf den ersten leeren Seiten seinen Kugelschreiber ausprobiert hatte, was mich maßlos ärgerte, zumal meine Eltern ja sich das Buch vorher hätten angucken und ein unbeschmutztes Exemplar kaufen können. Einige Monate später lieh ich mir dann in der Stadtbücherei ein Heft der Reihe Text und Kritik über die Gruppe 47 aus, dessen Titelblatt eine Graphik von Grass zierte. Unter einem Hahnenkampf entdeckte ich zu meinem Erstaunen ein Gekrackel, das mich an mein verunstaltetes Exemplar der Hundejahre erinnerte. Und siehe da, ein Vergleich der beiden Bücher ergab, daß es sich bei meinem Taschenbuch um ein handsigniertes Exemplar handeln mußte. Als ich freudestrahlend zu meinen Eltern lief, ihnen auf Knien für diese Extramühen dankte und um Verzeihung für eventuelle Verstimmung wegen des Geschenks bettelt, beteuerten sie ihre Unwissenheit. Mein Vater hätte einfach nach dem Buch gefragt und es sich auch gleich dort einpacken lassen. Recherchen haben dann ergeben, daß Günter Grass dieses Exemplar anläßlich seines Besuches der 750-Jahr-Feier der Rattenfängerstadt Hameln zwecks Recherche für die Rättin in der Buchhandlung Matthias auf der Bäckerstraße signiert haben mußte, wahrscheinlich in einem ganzen Schwung Bücher, deren unverkaufter Rest dann ins Lager zurückgegangen war und auf diesem Weg dann irgendwann über einen Auszubildenden und meinen Vater zu mir gelangt war. Mir fiel auf, daß dieses ein exzellenter Gesprächsstoff wäre, falls ich ihm an diesem Tag vorgestellt werden sollte.
    Dazu war es jedoch immer noch notwendig, daß er auch erscheint. Und das tat er nachweislich nicht. Zwar hatte er noch zehn Minuten Zeit, doch wir wurden langsam unruhig. Zumal Gerüchte aufkamen, daß er schon da gewesen sei und wir zu spät wären, das tuschelte sich nun so langsam durch unsere Reihen. Aber wir waren natürlich gewieft, daß sollte nur die Schwachen unter uns dazu bewegen, nachhause zu gehen, um dann bei reduzierter Gästezahl mehr Platz, mehr Sekt und größere Chancen auf ein Gespräch mit dem Autor zu bekommen. Wir blieben. Und innerlich begannen wir alle schon zu skandieren: ³Günter - Günter - Günter - Günter ...ã Es half alles nichts. Der Mann mit der Fernsehkamera hatte schon dreimal angesetzt und sein Gerät über die Köpfe der Menschen gehalten, um ja nicht den Augenblick zu verpassen, wo er den Raum betritt, jedesmal mußte er nach einiger Zeit wieder absetzen, weil es ihm zu schwer wurde. Langsam ging auch der Sekt aus. Und langsam fingen wir auch an, dem kleinen Karton glauben zu schenken, der dort vorne auf einem Tisch stand und auf den mit rotem Edding geschrieben stand: ³Sorry, aber G. Grass war schon da.ã, was wir als einen schönen practical joke verstanden hatten, um die Gesellschaft aufzulockern. Bis jetzt zumindest.
    Denn nun kletterte ein Mitarbeiter des Verlags unbeholfen auf einen Tisch im Messestand und klebte eine aufgeschnittene weiße Plastiktüte an den Balken, auf die mit demselben Edding ³G. Grass war schon um 12 Uhr da und wird nicht wiederkommenã geschrieben war. Ratlos schauten wir uns an, die wir für einige Zeit eine Gesellschaft gebildet hatten. Das Prickeln ließ merklich nach und die Wirkung klang auch ab. Genauso stumm zerstreuten wir Geburtstagsgäste uns. Gut, daß ich Philologie studiert hatte, da konnte ich mir Gedanken über ³das Abwesendeã und seine ³Präsenzã machen. Dabei lief mir Ingo Schulze über den Weg. Der war bestimmt mit Grass auf dem vorgezogenen Empfang gewesen, denn der soll ja sein Nachfolger sein, zumindest will Grass das und hat ihm seinen Döblin-Preis gegeben. Es interessierte sich jedoch kein Mensch unserer Gesellschaft für ihn, erkannte ihn noch nicht einmal. Also tat ich das auch nicht und ging. Fazit: Man soll nicht alles glauben, was im Spiegel steht.

  2. #2
    Comandantina
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    !


  3. #3
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    Meine Damen, meine Herrn! Dies war nun soeben der Butt dieses Forums. Wenn auch, um einiges kurzweiliger, sag ich jetzt mal.

  4. #4
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    Ich find das schon in Ordnung, irgendwie. Er hat ja nicht 'Günter Grass und ich' geschrieben, sondern 'Ich und Günter Grass'

  5. #5
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    Ich finde das voll in Ordnung, Tex. Kam was anderes rüber? Ich wollte nur ein wenig loben.

  6. #6
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    Aber Andreas Kommentar kam etwas ironisch rüber. Schmallippig aber auch.

  7. #7
    Comandantina
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    Ich konnte auf den längsten Beitrag des ganzen Forums nur mit dem kürzesten antworten, alles Dicklippige wäre Anmassung gewesen.
    ------------------
    OProfPap. Andrea Maria Dusl
    Meisterklasse für politischen Paparazzismus

  8. #8
    der hausm Avatar von anko
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    gigantisch, dieser ruck, der da durchs forum geht.
    dank an alle seiten - und das ! war erst mal die einzig moegliche reaktion.

  9. #9
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    Ich bin beeindruckt von der Höflichkeit der Reaktionen, auch, weil man hinter den Antworten doch eine kleine Unsicherheit erkennen kann, wie man sich zu dem Nobelpreis-Etc-Träger stellen darf.
    Auf eine Sache muß ich noch hinweisen: Ich gehörte zwar zu den Ab-Servierten, was dort im Text auftaucht, müssen allerdings Servietten sein.

  10. #10
    Verplemper Member Avatar von Pond
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    Als ich G. Grass sah, war diese Situation weitaus kürzer und leider kann ich sie auch nicht so beschreiben.
    Auf der Frankfurter Buchmesse ging er vor mir her, auch er irgendwie kleiner als ich ihn mir vorgestellt hatte. In Begleitung einer jungen, hübschen Dame und eines Herren. Dieser wieselte hinter beiden her. Wir gingen alle zu einer Tür, um die Halle zu betreten.
    Tja, und dann hielt die junge Dame G. Grass die Tür auf - nicht umgekehrt, wie ich eigentlich erwartet hatte.
    Dies prägt vortan mein Bild von Grass: unhöflich. Das wird ihm ja nicht gerecht, aber so ist das nunmal.

  11. #11
    earning disabled Avatar von Ebbesand Flutwasser
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    Warum meinst Du, 'unhöflich' werde ihm nicht gerecht, Pond? Ein dickes Buch nach dem anderen mit Zäh- wie Überflüssigstem vollzumachen, das ist doch auch nicht höflich gegenüber den Lesern und den Bäumen.
    ------------------
    Hr. Flutwasser ist ein lieber Spatz.
    Yvonne Caldenberg

    (Beitrag wurde von Ebbesand Flutwasser am 10.08.2001 um 19:46 Uhr bearbeitet.)

  12. #12
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    .
    Lesen und Hochwuchten ist eine schoene Beschaeftigung, wenn man auf Anrufe und Mails warten muss. Habe diese umfangreiche und szenisch dichte Geschichte gerade erst entdeckt und finde, dass sich damit prima Zeit totschlagen laesst.

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