Na da hast du mir eine schöne Knacknuss gegeben, mit den Bildern. Ohne Wikipedia glaube ich das Friedrich Wolf Theater nach Neustrelitz zu erinnern. Und erst unser Geplänkel erinnert mich daran, dort auch mal angeheiratete Verwandschaft gehabt zu haben. Also war ich auch dort, weiss aber nichts mehr, ausser das dieses Theater in einem Park liegt und das wenn man einen Schnaps bestellte, eine Flasche auf den Tisch kam. Was mich damals nicht störte.
Das andere Haus sieht ja ganz gefährlich aus. Da rate ich mal. Anklam?
Nun und ob wir nun allein hier spielen oder nicht, liegt wohl daran, dass wir leicht uncool und retrograde sind, was in meinem Falle normal ist. Ich wohne wirklich und gewollt zwischen zwei Wäldern und höre den ganzen Tag das Kuhglockenmantra.
Abschwuff 1:)
es gibt grad eine plakatwerbung in der schweiz, für terres des homme oder die weltaidshilfe, da ist ein ein schwarzer junge zu sehen, der allein vor einer wand hockt und ziemlich traurig ausschaut. als text steht: maoud (oder so) hat kein problem damit, dass seine eltern uncool sind. maoud hat ein problem damit, dass seine eltern tot sind.
Abschwuff 2:)
es liegt freilich auch an meiner blödheit, erst gestern mitbekomen zu haben, das hinter dem wort helsinki am samstag im strang wie gewünscht eine ganze party hängt, für die ich mich beim herrn balsam recht herzlich bedanke. genau darum trage ich diesen namen, denn laut schreie ich nach den schmutzigsten berichten über die finger von y-prominenten und sage so freche worte wie "transenparty" und hänge dann doch genau zur selben zeit meinen hellgelben pullover um und in den feuerwind eines lichterloh brennenden gasgrills.
Rückschwuff:
Zum DFF, welcher zu der Zeit, zu der meine Geschichte spielt noch Fernsehen der DDR hiess. Aber nicht mehr lange. Es waren (glaube ich) die letzten Fernsehlieblinge, die unter diesem Label gekürt wurden. Der von ihnen erwähnte Herr Lippert, der hier anderweitig schon gut paparazziert wurde, fiel während den Proben zu dieser Veranstaltung angenehm durch seine Professionalität auf. Er hatte ein Medley seiner Hits zu präsentieren, was mit eher sportlichem Gespringe verbunden war und seine ewige und untötbare gute Laune verdeutlichen sollte. Ich sehe ihn immer noch quasi auf und durch die Dekoration gumpen. Unterbrach der Regisseur (ich glaube Teubner himself), stoppte Lippi, ruckelte an der Brille, hörte sich alles an, stellte Fragen, setzte sein Breitlach wieder auf und hüpfte weiter wie als ob nichts gewesen sei. Ich habe dort während sehr vielen Probenstunden, viele sich spreizen sehen, die nur das konnten. Lippi konnte hüpfen.
Abschwuff 3:)
ich habe mal den könig aller gymnastiklehrer - sir mick jagger gesehen, da waren aus sicht - und eben "nicht ausverkauft" - gründen die plätze auf den rängen direkt neben einem der ausleger der riesigen stadionbühne leer. es sah traurig aus aber eben auch sehr wahr, wie jagger im kindert-t- shirt vor leeren rängen seine armschwinger/fingerschnipsübungen zelebrierte. auch seine kollegen standen sehr, sehr weit weg. der kleine mann war ganz allein und tat so, als sei er mitte der welt.
so funktioniert es wohl. es ist die reine selbstbehauptung. ich mag ihn.
Rückschwuff:
Zurück ins Haus der Kultur nach Gera und zur eigentlichen Geschichte. Es war das Jahr 1988 und ich hatte trotz einer Goldmedaille bei den Arbeiterfestspielen, trotz dem Meister des Sports der Sowjetunion und trotz Vater und Ehemannschaft meinen Grundwehrdienst bei der NVA gerade absolviert (als einziger meines Jahrgangs, ich habe also nicht nur Glück) und arbeitete in einem Krankenhaus. Ganz unvermittelt wurde ich dort in die Leitung bestellt und in Anwesenheit mir fremder Herren ausgefragt, ob es richtig sei, dass ich Bühnenerfahrung habe. Nun, die hatte ich durchaus.
Es gesellten sich noch einige Kolleginnen dazu, die mal irgendwo gesungen hatten und wir wurden freigestellt um uns am nächsten Tag in Dienstkleidung Weiss im Haus der Kultur zu melden, wo die Proben für nämliche Sendung schon liefen. Dort wurden wir von einem der hundertzwanzig Regieassistenen in ein grosses Geheimnis eingeweiht, nämlich, welche Schauspielerin den Preis bekommen würde. Und da sie das für eine Serie über eine Notfallärztin ("Bereitschaft Dr. Ferderau" gab es weit, weit vor dem "Emergency Room") bekam, sollte ihr der Preis von einem Chor "echten" Pflegepersonals übermittelt werden, der "Ganz in Weiss" in einer umgedichteten Form zu singen hatte. Meine Mutter erklärte mir, was es mit "Ganz in Weiss" auf sich habe. Als Ossi und mit zweiundzwanzig verwechselte ich noch Rex Black mit Roy Gildo. Ich hatte das Lied noch nie gehört, konnte auch den neuen Text nicht, in dem irgendwie eine Spritze vorkam, wurde aber in die Vorzüge des Vollplayback eingeweiht. Tausendmal mussten wir singen spielend eine Showtreppe hinablaufen, was im Takt schwieriger ist als man denkt und uns dann um das Double von Frau Uta Schorn groupieren. Jeder von uns hatte ihr zum Ende des Liedes eine Rose zu überreichen. Die Fernsehserie hatte ich übrigens auch noch nie gesehen. Ich war damals schon gut im Austecken.
Soweit so gut, in den vielen langen Pausen durfte ich die Creme der DDR Fernsehunterhaltung beim Arbeiten beobachten, was nicht nur lustig war. Einige bekamen den Preis derart regelmässig, dass sie nicht zu den Proben anwesend sein mussten. Auch einige der Musikgicks fehlten noch. Ich erinnere vor allem eben Lippi, der mit zehn Minuten Gehüpfe die gähnlangweilige Show am Ende retten sollte. Und ich sah ihn richtig arbeiten. Muss ich hier mal sagen.
Frau Carmen Nebel war auch da. So dumm wie die westschlagersingenden Rettungskräfte ausgedacht waren, so perfide war eingefädelt, dass Frau Nebel bei aller Proberei nicht mitbekam, dass man ihr bei der Livesendung den fünfjährigen Sohn auf die Bühne zaubern würde. Übrigens machte ich mir damals ernsthaft Gedanken, in so einen Beruf zu gehen. Ich stellte mir einen einsamen Strand auf Hiddensee vor, wo dir das Fernsehballett ein wenig die Eier massiert und du dir dabei ausdenkst, das sechs Berufsleute in Weiss Roy Black singend witzig sind. Wie besoffen muss man sein, um auf eine solche Idee zu kommen? Dieser Staat musste scheitern.
Meine junge Frau und ich waren just am Abend der Sendung zu Jan und der Frau eingeladen, die er geheiratet hatte, nachdem er den ersten Ehekredit verloren hatte. (siehe Post "Entführt") Es war bei meinem Beruf einfach, einen Vorwand zu finden, warum ich später käme. Schwieriger war es, die Beiden zu überzeugen, den Fernseher laufen zu lassen und dann auch noch mit DDR1. Das war ähnlich wie letzten Samstag. Ich freute mich auf meinen kleinen Privatgag.
Wir mussten früh da sein und der erste Durchlauf wurde schon unterbrochen, weil dem Regisseur meine Schuhe nicht gefielen. Es war keine Kostümbus mit und also gab es den Auftrag, mir genau die Schuhe bringen zu lassen, mit denen ich auch arbeite. Das waren Jesuslatschen. Na wenn sie das so wollen....
Gleichzeitig war die Stimmung immer angespannter, da nun alle im Hause waren, die auftreten sollten und wir die Dramen mitbekamen um einen Nachrichtensprecher, der sich eingeschlossen hatte und selbst bei der Generalprobe am Nachmittag fehlte. Erst am Abend erschien er strahlend und mit breiten Armen vor seinem Millionenpublikum. Sternhagelvoll. Aber wir erlebten auch Profis und viel Gezanke, da vor allem alle Zwischenmusiker unzufrieden waren. Die anderen hatten immer irgendwas besser. Die Stimmung wurde immer gereizter, es sollte um acht Uhr life gesendet werden.
Die Jesuslatschen hatte mir meine Frau gebracht und bei der Generalprobe waren alle hochzufrieden mit dem singenden Pflegechor, ausser Frau Schorn, die uns kaum beachtete. Alle die den Preis bekommen würden, übten ihre teils gespielten, teils gesungenen Übergaben, gaben ihre Statements. Nur Frau Nebel wurde weiter und tatasächlich verarscht. Sie wurde gefragt, wo ihr Sohn sei. In der Sendung fragte der Moderator dann weiter: Sind sie ganz sicher? Und dann kam der Junge aus der Gasse gerannt. Die Tränen waren echt und noch heute rührt die Frau Millionen.
Die Generalprbe war gegen vier beendet und wir wurden in die Garderoben geschickt. Und es wurde Order gegeben, dass ab nun keiner mehr das Haus verlassen dürfe. Die Ausgänge seien alle versperrt, es ginge immerhin um eine Lifesendung. Wir der Chor mit den weissen Hemden, hatten die Garderobe mit der Band "Karussell" zu teilen, die ihr drittes Comeback erlebte. Mit dem neuen Sänger Dirk Michaelis hatten sie einen Riesenhit (Wie ein Fischlein unterm Eis) den sie an diesem Abend auch sangen. Mit der Band die ich mal toll fand, hatte das nichts zu tun. Und mit Renft, was ja ihr Ursprung war, gleich gar nicht. Sie sassen gelangweilt rum, sprachen kein Wort miteinander und Michaelis unterschrieb Kiloware Autogrammkarten in Reserve. Auch mit uns sprachen sie kaum und regten sich nur über den Livescheiss auf und das sie nichts zu trinken dabei hätten. Michaelis sah nur kurz und ermahnend auf. Das hatte wohl der Bassist oder so gesagt, der eh nur rumstand beim Playback und nicht mal eine Treppe laufen musste wie wir.
Das Haus war erst ein paar Jahre offen und ich hatte in den letzten Tagen des Einräumens der Säle für Gutgeld mit geholfen. Ausserdem kannte ich Leute, die da arbeiteten und die mir immermal einen Weg am Pförtner vorbei gezeigt hatten. Meine Stunde kam. Ich sagte, gebt mir Geld ich besorge was zu trinken. Die Band wurde wach. Du kommst doch hier nicht raus! Meinten sie. Und ob. Ich bekam vom Bandleader (keine Ahnung wer das eigentlich war) einhundert Ostmark in die Hand gedrückt und seine Reisetasche. Das Bühnenkostüm entleerte er unter den Tisch. Anders als geplant schlich ich mich nicht durch die Tiefgarage davon, die wirklich abgeriegelt war, sondern versuchte einfach die Pförtnernummer noch mal. Das Drama mit den Schuhen am Vormittag und der Frau die er nicht reinlassen und mich nur kurz rauslassen durfte, erinnerte er noch. Ich zeigte ihm die Tasche: Stellen sie sich vor, jetzt soll ich noch die Hose wechseln.
Er liess mich durch, ich rannte zum Bierpräsent auf dem Markt (kauf mal im Osten Samstagnachmittag ein!) und setzte das Geld um. Mit einer Reisetasche voll Schnaps heimlich, möglichst ungesehen durch eine Stadt zu eilen, erinnerte mich sehr an meine gerade vergangene Armeezeit.
Wer sie kennt weiss, dass Jesuslatschen ein Problem haben. Sie halten nicht. Und so riss auch mir eines der Bänder. Und nicht an der Öse wo man flicken hätte können. Nein das Leder riss quer. Durch den Pförtner kam ich problemlos, ein Zivilist konntrollierte die Tasche und hatte nichts auszusetzen. Aha! Wir waren ja auch nicht mehr bei der Armee! Ich galt als Künstler und so ein Stasimann darf mir nicht den Schnaps wegnehmen! Das war ein Hallo in der Garderobe und wir feierten gut mit der Band, die nun immer immer gesprächiger wurde. Obwohl auch nicht wirklich, denn ich erzählte im Halbrausch dass ich vor zehn Jahren das toll gefunden hatte, was sie jetzt eben nicht mehr taten. Aber wir stiessen immer wieder an.
Nur ihr neuer Frontmann, der sie nochmal berühmt gemacht hatte, gehörte nicht dazu und hielt sich raus. Eine Kostümdame wurde gerufen und flickte mir die Sandale mit Heftpflaster. Das wurde angemalt. Schliesslich war es Farbfernsehen!
Das Ganze hielt bis wir oben an der Treppe waren, mit dem ersten Schritt hatte ich wieder an einem Fuss eine Pantolette, die Lautsprecher plärrten "Ganz in Weiss" und ich versuchte im Takt mit meinen Kollegen die Treppe hinunter zu humpeln, völlig überwältigt von den anderthalbtausend Menschen, die man trotz der Scheinwerfer sah. Ehrlich gesagt, es war viel Schnaps vorher und ich weiss nichts mehr genau. Aber unwohl war mir nicht, ich glaube ich sang sogar und breitete die Arme, was wir eigentlich unterlassen sollten. Auch die Gratulation an Frau Schorn war nett und die plötzlich strahlend vor Glück. Die Schweine! Wenn nur Kameras laufen! Überhaupt waren all die Nervgeister plötzlich nett.
Nach dem Finale, wo ich nochmal mit aufzuhumpeln hatte, verabschiedete ich mich von der Band und wollte ganz schnell zu Jan und seiner und meiner Frau, die immer noch Tränen lachten, als ich eine Stunde nach der Sendung endlich bei ihnen ankam. Du hast sie an den Arsch gefasst, vor Millionen Augen, du Sau! sagte Jan und fragte nach dem Grund meiner offensichtlichen Gehstörung. Während sie so sassen und redeten, hatte er mich im Fernsehen singend erkannt.
Auch meine Frau fragte mich in der Nacht, warum ich dieser Frau Schorn vor aller Welt soooo an den Arsch fasse und ihr nie. Es wurde noch eine schöne Nacht, wenn ich das recht erinnere.
Fazits:
Ich schwor mir als ich wieder nüchtern war: Nie wieder Fernsehen!
Ich verfolgte manche der traurigen Ostkarrieren aus der Schweiz weiter, einfach weil ich die Leute dort mal habe arbeiten sehen. Und Frau Nebel sieht immer noch so aus wie damals. Also in der Superillu bei meiner Mutter auf dem Küchentisch.
Als ich schon in Basel war und dort in den Nachrichten (!) vernahm, der deutsche Sänger Roy Black sei gestorben, hielt ich mein Auto an und war wirklich traurig. Immerhin hatte ich mal ein Lied von ihm gesungen. Na zumindest so getan.
Michaelis hat dann wieder Solo gemacht und hatte noch so einen Hit, den ich aber ignorierte.
Bevor ich heute einer Frau an den Arsch fasse , achte ich darauf, dass keine Kameras mitlaufen.
