Windhorst sollte, falls nicht schon geschehen, schwul werden und mit Kim[ble] Schmitz eine Weltbeherrschungsfirma aufmachen.
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Windhorst sollte, falls nicht schon geschehen, schwul werden und mit Kim[ble] Schmitz eine Weltbeherrschungsfirma aufmachen.
raumoberbayern soll bitte von der saugenden Kommunikation erzählen. Danke.
wir haben eigentlich recht nett konversiert und es hat gar nicht mal so gesaugt. Da kenne ich aber andere (wie DREA ja schon angedeutet hat. Ist eben auch der Sonne zu nahe gekommen). Vielleicht muss man eine gewisse Affinität zu Ostwestfalen entwickeln, um das zu verstehen. So, lange Vorrede. Genau so ist es tatsächlich gewesen (Geschichte folgt sofort separat):
Wir sind in den selben Diskotheken gewesen, Lars Windhorst und ich. Allerdings mit mehr als 20 Jahren Zeitversatz. Lars Windhorst, das Junggenie aus Rahden.
Als Jungendlicher habe ich im Schachverein gespielt. Schriftführer – und an Brett fünf der ersten Mannschaft – war damals Heinz Windhorst. Alter Hase, erfahren und bauernschlau. Heinz Windhorst stammte aus dem Nordkreis, daher wo Rahden liegt, daher, wo ungefähr zu selben Zeit eine neues Mitglied des verzweigten Windhorst-Clans, Lars, das Licht der Welt erblickt.
Heinz Windhorst hatte ein Problem, er konnte nicht gewinnen. Windhorst gewann nie. Er hat auch nie verloren. Spielte immer unentschieden. »Alter Remisschieber«, pflegte unser Jugendtrainer zu sagen. Es lief immer nach dem selben Muster. Standarderöffnung, Figuren aus dem Spiel nehmen, das Spiel vereinfachen. Das Spiel ist dann so langweilig, dass es dem Gegner keinen Spaß mehr macht. Dann Remis anbieten, jeder Gegner nimmt gerne an. Obwohl ich anfangs nur in der fünften Mannschaft (der Nachwuchs, eine Jugendmannschaft gab es nicht) spielte, habe ich auch während der Vereinsmeisterschaft niemals gegen Heinz Windhorst verloren – aber auch niemals gewonnen.
Heinz Windhorst war ein unaufdringlicher Mensch. Durch und durch mittelmäßig wie sein Spiel, gutmütig, gutbürgerlich, solide.
20 Jahre später, München, Hotel Vier Jahreszeiten
Ich sitze in der Lobby, warte auf den hohen Besuch aus Ostwestfalen. »Unser Herr Windhorst würde sich gerne mit Ihnen treffen Herr raumoberbayern«, hatte seine Sekretärin telefonisch angekündigt. Mittlerweile war der Stern des deutschen Wunderkinds im Sinken begriffen. Vor allem im Spiegel war die Erfolgsgeschichte kritisch durchleuchtet, das Wunder hinterfragt worden. Sein Kerngeschäft, die Windhorst Electronics – Computer Großhandel, Im- und Export – war gefährlich ins Wanken geraten. Windhorst suchte das Fachpublikum auf seine Seite zu ziehen, ging in die Presseoffensive. Junggenie hin, großer Schwindel her, gern war ich bereit, mich mit dem Jungunternehmer aus der alten Heimat zu treffen. Zumal er auch seinen neuen Geschäftsführer dabei habe, wie seine Sekretärin durchblicken ließ.
Lars Windhorst spielte ein anderes Brettspiel als sein Clan-Verwandter und mein ehemaliger Vereinskamerad Heinz Windhorst. Das, bei dem es um das große Geld ging, das große chinesische Geld. Und er pflegte auch einen anderen Stil: Hohes Risiko und immer auf Sieg, auch wenn die Lage verzweifelt erschien.
Kurz nach zehn trabte Lars Windhorst in die Lobby des Vierjahreszeiten. Er sah aus wie auf den Bildern, nur weniger glamorös, etwas angestrengt, sehr rustikal ostwestfälisch. Mir fiel Heinz Windhorst wieder ein. Dieselbe Bauernschläue, allerdings weniger verschmitzt, eher verbissen. Dann Präsentations-Charts der unübersichtlichen Organisation des Windhorstschen Empires. Das habe man vereinfacht, Geschäftsbereiche zusammengelegt. Wichtig sei das Immobiliengeschäft in Fernost. Und dann die Electronics. Um die 100 Millionen – damals noch – Demark setze das Unternehmen um. Das habe er vernachlässigt. Jetzt soll ein neuer Geschäftsführer Schwung in das Herzstück der Windhorstschen Unternehmungen bringen.
Er erinnerte mich an den Elektriker im Betrieb meines Vaters. Ein schlacksiger, blasser Typ Anfang 30, hager, Oberlippenbart, ernster, besorgter Blick. Gelernt hatte er tatsächlich Elektriker. Windhorst hatte ihn von einer Kugellagerfabrik in der Nähe abgeworben, in der er einen Managementjob bekleidete.
»Na, wir werden jetzt erst mal die Electronics wieder auf die Reihe bringen und den Ball flach halten«, er sah mich ernst an, dann ein gequälter Blick zu seinem jungen Chef. Zu diesem gewandt, diesen bremsend: »Wir müssen einen Schritt nach dem anderen machen. Die Situation bei der Electronics ist doch nicht so einfach.« »Da haben Sie Recht, deshalb sind wir ja auch hier. Sie machen das schon«, ein nicht minder besorgt wirkender Lars Windhorst mit einem schwachen Versuch, seinen Geschäftsführer aufzumuntern.
Wir tauschen Insides über die Electronics aus. Sprechen über Graumarkt. Genau so wolle man in Zukunft nicht mehr agieren bekräftigt der Geschäftsführer. »Eben«, entgegnet sein Chef und berichtet über einen Vertrag mit einem große koreanischen Hersteller. Über PCs, die er nach einem ganz neuen Konzept bauen will. Von gewaltigen Stückzahlen und dem großen Geld. »Jetzt müssen wir allerdings erstmal anfangen«, holt ihn sein Geschäftsführer wieder auf den Boden.
Das Gespräch plätschert dahin. Mittlerweile sind wir in Ostwestfalen angekommen, stellen fest, dass wir dieselben Diskotheken besucht haben, dass wir dieselben Leute kennen. »Wenn Sie mal in der Gegend sind, Herr raumoberbayern, dann kommen Sie doch vorbei. Wir bauen eben unsere neue Firmenzentrale in Rahden. Der Rohbau steht schon. Das zeige ich Ihnen und abends machen wir eine Diskotour.« Lars Windhorst ist keineswegs unsympatisch. Ich sage zu. Vor dem Hotel steigen die beiden in ein Taxi, es ist ein uralter Passat.
Lars Windhorst habe ich danach noch einige Male auf Messen getroffen. Ein Junggenie? Eher ein typisch ostwestfälischer Bauernrotzlöffel, wie ich während meiner Schulzeit dort viele kennengelernt habe. Ein wenig grossmäulig aber harmlos. Ein netter junger Mann, dem das große chinesische Geld zu Kopf gestiegen ist, der den Boden unter den Füßen verloren hat und die Orientierung. Genau wie Heinz Windhorst konnte auch Lars Windhorst nie gewinnen, auch wenn er es wirklich versucht hat.
Jahre später bin ich wieder in Rahden, zur Hochzeit meines Freundes Tim. Damals bin ich auch an Windhorsts neuer Zentrale vorbeigefahren. Aus dem Rohbau der Betonhalle wuchsen Büsche, der Parkplatz war überwuchert, die Natur hatte sich das Bauland zurückgeholt.
Die Electronics gibt es seit geraumer Zeit nicht mehr. Um Lars Windhorst ist es still geworden, genau wie um andere IT-Millionäre, die ihr Glück in Asien suchten. Auch auf Messen sieht man ihn nicht mehr. Vielleicht sollte ich ihn anrufen, wenn ich das nächste Mal in Ostwestfalen unterwegs bin. Wir könnten Sonntag Abend gemeinsam auf Diskotour gehen.
Sonntag Abend um zehn bei Schacksmeier in Wehe
Oh, ein ostwestfälischer Insider.
Zu Schacksmeier nach Wehe, so ein Angebot habe ich doch glatt seit meinem Treffen mit Lars Windhorst nicht mehr bekommen. Aber liebend gern, Herr Schawalla Joachim. Zu Weihnachten weile ich wieder in Ostwestfalen und bin dann sicher bereit für einen Ströher Schwarten in Wehe (damals Ort mit der höchsten Selbstmordrate).
"Vater wir haben Hunger!" Daran erinnere ich mich noch sehr genau. Fast 50 Parteien im 36-Parteien-Wohnsilo. Eigentlich waren wir zwei Parteien. Meine Großeltern hatten das hintere Zimmer, meine kleine Schwester und ich das Durchgangszimmer auch noch als wir längst zu groß dafür waren.
Lampen hat meine Vater gespritzt im Industriegebiet. Das war auch mein erster Ferienjob, Stundenlohn drei Mark siebzig. Als seine Lunge in die Knie gegangen ist, wegen der vielen Lacke, ging er im Nordkreis Maschinenteile verpacken und später Spielautomaten schrauben.
Abends saß er in Ostwestfälischen Kneipen, Bier und Korn trinken mit Verlierern. Gestrandete der untergehenden Tabakindustrie, gescheiterte Lebensversicherungsverkäufer, am Nachbartisch neureiche Profiteure im Spielautomatenland.
Wir hatten viel Hunger, haben regelmäßig Supermärkte ausgeräumt und Vaters Brieftasche. Da war allerdings nie viel zu holen ausser Ärger, denn wir flogen regelmäßig auf. Mein Vater war nachsichtig mit uns, schlimm war meine Mutter. Sie steigerte sich in einen Rausch, prügelte uns, bis sie ohnmächtig war, genau wie wir. Heute nehme ich ihr das noch nicht einmal mehr übel.
Meine Versuche abzuhauen, auszubrechen und dem Wahnsinn zu entfliehen, scheiterten kläglich und endeten mit vielen blauen Flecken, einem gebrochenen Finger und dem Rauswurf aus der Schule.
Wir haben uns in eine eigene Welt geflüchtet. Verbotene Lagerfeuer bei Bier und Maria-Cron-Cola im Wassersteinbruch. Knutschend mit Maike in den Büschen, die Hosen über den Knien, während sich einige Meter neben uns Holger die Seele aus dem Leib kotzt. Maike war ständig selbstmordgefährdet, Vater Alkoholiker mit paranoiden Anfällen.
Mein älterer Bruder ist einen anderen Weg gegangen. War bis zum Schluss auf dem Gymnasium und Stammgast im i-Punkt. Dort traf sich die linksintellektuelle Szene, Joints rauchen und später auch alles andere. Diese Leute habe ich immer zum Kotzen gefunden. Wie Molldi. Liedermacher, Ende 30, immer cool, immer wichtig, immer breit, Alt-68er, ein Hauch von Baghwan. Mit 19, kurz vor dem Abitur, hat mein Bruder alles geschmissen, ist zu Molldi in die Kommune auf dem Bauernhof im Nordkreis gezogen – eine der über die Landkreisgrenzen hinaus bekannten Hochburgen für politischen Widerstand, freie Liebe und Drogenkonsum aller Art. Danach haben wir ihn nur noch sehr selten gesehen. Keiner weiss, was er heute treibt.
Geändert hat sich das erst mit der Ausbildung und später dann sehr radikal.
Damals war Elektriker die Ausbildung der Wahl, weil wir nicht enden wollten wie unsere Familien. Wer es gut erwischte, wurde Rundfunk- oder Fernsehtechniker aber da waren die Stellen begrenzt. Eigenes Geld zu haben verändert das Leben nachhaltig. Elektriker waren gefragt, man konnte eine Menge Geld nebenher machen, Strippen ziehen bei Bekannten von Bekannten. Vom ersten selbstverdienten Geld habe ich mir ein frisiertes Moped gekauft. Meine Freundin kam aus dem Nachbardorf – bei ihren Eltern hatte ich den Stall verkabelt. Wir haben endlose Touren durch die Diskotheken im Landkreis gemacht, waren auch in den Nachbarstädten: in Osnabrück im Hyde Park, in Minden im Klimperkasten oder im AJZ in Bielefeld. Geld eröffnete neue Perspektiven auf die Welt, das stand für mich fest.
Zivildienst war die coolste Zeit. Zu zweite hatten wir Dienst im Jugendlager, inklusive Dienstwohnung. Nebenbei verkauften wir Anlagen für Lutz. Hifi für Kinder reicher Leute im Landkreis. Lutz war ein feiner Kerl, hatte den richtigen Riecher für großes Geschäft und behandelte uns sehr fair. Freunde, Bekannte aber auch wildfremde Menschen rissen uns die Anlagen aus der Hand, der Hifi-Boom hatte begonnen und wir schwammen im Geld.
An den Wochenenden foppten wir die christlich-jugendlichen Teilnehmer, die zu frommen Seminaren im Jugendlager waren und vögelten mit den Mädels, die kamen und immer viel zu große Wollpullover trugen. Wir hatten eigene Autos und fühlten uns wie Gott.
Das richtige Geld allerdings kam erst mit den Computern. Lutz war rechtzeitig ins Computer-Geschäft eingestiegen und von ihm haben wir alle gelernt. Arbeiten als Elektriker war nach dem Zivildienst ausgeschlossen. Wer als Elektriker einen PC schrauben konnte, dem war der Aufstieg sicher. PC, das konnte nicht jeder, aber jeder brauchte einen. Es war besser als Anlagen, viel besser. PCs waren das ganz große Geld und das ganz schnelle dazu. Fast alle, die damals für Lutz gearbeitet haben, haben sich anschließend selbständig gemacht. Fast alle wurden wir damals Millionäre, einige sind es heute noch. Einige wenige haben ihre Firmen rechtzeitig an Großkonzerne verkauft und sind heute sehr reich. Andere sind auf dem Boden geblieben, wie Lutz selbst und arbeiten noch immer hart, obwohl sie es nicht nötig hätten. Einige haben abgehoben und sind sehr tief gefallen.
Es war eine Zeit des Aufbruchs, eine Zeit, in der alles ging. In dieser Zeit ist Lars Windhorst aufgewachsen.
Das ist o.k. bis auf "Fast alle wurden wir damals Millionäre." Sind Sie noch Millionär? Verzeihen sie die penible Nachfrage, aber ich zog mal mit jemandem zusammen, der Dauermillionär gewesen war, verdiente sein Geld als Promotion-man. Netter Mensch, hatte kein Geld. Sind Sie noch Millionär? Und warum verschleudert man 700.000 Mark, nie verstanden.
Ist sicher indiskret gefragt, aber sagen Sie mal Herr Schawalla, gehoerten Sie vielleicht zum urspruenglichen Peacock-Clan? Oder zur Pursch-Clique? Und falls ja, haben Sie immer noch Privatflugzeuge, prima Handicap und prachtvolles Haupthaar?
Irgend etwas habe ich damals falsch gemacht. Während Sie, Herr Schawalla Joachim, für Millionen Computer geschraubt haben, habe ich mich in München durchs Studium gekämpft. Als es dann darauf angekommen wäre, ist mir das Geld ausgegangen. Also Quereinstieg in die IT-Branche, leider auf der völlig falschen Seite und viel zu spät. Na, so viel zu spät wohl auch nicht, denn es muss in etwa zur gleichen Zeit gewesen sein, als Lars Windhorst gestartet ist. Und der hat es zumindest kurzfristig zu Millionen gebracht. Wenn ich allerdings seinen Absturz aus sicherer Distanz noch einmal Revue passieren lasse, denke ich, dass ein erfolgreiches Philosophiestudium wenn schon nicht das Sprungbrett zum schnellen Geld so doch die solide Grundlage für einen bescheidenen beruflichen Erfolg bilden kann.Zitat:
Fast alle wurden wir damals Millionäre, einige sind es heute noch.